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Digitales Lesen

Dass dem digitalen Lesen hier eine eigene Seite gewidmet wird, bedeutet nicht, dass sich die anderen Hinweise, Ausführungen und Materialien nicht auch auf das Digitale beziehen können bzw. übertragbar sind.

Vielmehr wird der Tatsache Rechnung getragen, dass das digitale Lesen als großes gesellschaftlich relevantes, pädagogisch-didaktisches, sprachwissenschaftliches Thema im Raum steht. Deshalb soll hier Folgendes geleistet werden:

  1. Erklärung: eine Annäherung an den Begriff: Was genau bezeichnet das digitale Lesen eigentlich, worin unterscheidet es sich vom nicht-digitalen Lesen?
  2. Wissenstransfer: eine Darstellung dessen, was der aktuelle Forschungsstand ist.
  3. Hilfe: Vertiefende Literatur, Tipps und Good-Practice, wie das digitale Lesen in den verschiedenen Schularten gestaltet und unterstützt werden kann.

Erklärung: eine Annäherung an den Begriff

Dr. Johannes Wild, Universität Regensburg, im Kurzinterview zum Digitalen Lesen.
(Das Interview führte Matthias Ott, AK #lesen.bayern, Herbst 2019.)

Zweifelsohne verändert die Digitalisierung das Lesen. Der Weg zum digitalen Lesen meint Veränderungen v. a. im Hinblick auf die drei Fragestellungen:

  • Wie wird gelesen?
  • Wessen Texte werden gelesen?
  • Was wird gelesen?

Die einfachste Antwort auf die Frage, was unter digitalem Lesen zu verstehen ist, bezieht sich auf das Medium: Dem Buch oder auch der Print-Zeitung stehen im Digitalen das E-Book und die Online-Zeitung, aber beispielsweise auch der Blog gegenüber. Doch damit ist noch nicht hinreichend beschrieben, was „echt“ digitales Lesen eigentlich bezeichnet.

Auch die Gruppe derer, die Texte schreiben, verändert sich: Während Texte der traditionellen Lesemedien von professionell Schreibenden verfasst werden, kann heute jeder im Internet Texte veröffentlichen, ohne sich dabei an (journalistische) Standards zu halten. Damit verändern sich aber auch die Texte selbst und die klassischen Funktionen bzw. die Ziele des Lesens wie Bildung, Informationsgewinnung oder Unterhaltung werden erweitert, zum Beispiel durch die Kommunikation in sozialen Netzwerken (Feierabend, 2012, S. 21).

Der maßgebliche Unterschied zwischen analogen und digitalen Texten besteht ­– natürlich mit oben bereits genannten Punkten zusammenhängend – aber sicherlich in den Unterschieden zwischen den Texten selbst:

Unterschiede zwischen Printtexten und Hypertexten

Das zentrale Merkmal von Hypertexten ist ihre Nicht-Linearität: Sie enthalten Links zu anderen Texten, Querverweise zu visuellen, auditiven, audiovisuellen Dokumenten. Dies erweitert das „Angebot“ des Textes und ermöglicht es dem Leser, gezielt zwischen – für ihn in dieser spezifischen Situation mit exakt dieser Fragestellung – relevanten und irrelevanten Informationen zu unterscheiden und seinen individuellen „Lesepfad“ zu konstruieren (Philipp, 2018, S. 127). Was eine hervorragende Möglichkeit darstellt, Informationen ganz selektiv und passgenau abzurufen, bedeutet aber auch, dass Hypertexte es dem Leser geradezu abverlangen, aktiv im Text zu navigieren und Entscheidungen zu treffen, wo der Lesepfad verlaufen soll. Der Leser folgt Links zu einem Verweistext und kehrt nicht notwendigerweise zum Ursprungstext zurück, sodass der Lesefluss ständig unterbrochen und damit sprunghaft wird (Wanning, 2014). Daher müssen Schülerinnen und Schüler im Umgang mit digitalen Texten explizit geschult werden, um beispielsweise im sinnerfassenden, überfliegenden Lesen von Hypertexten kompetenter zu werden: Bevor sie entscheiden können, ob sie einem Link folgen und damit den ursprünglichen Lesevorgang abbrechen, müssen sie erst die Inhalte eines Textes im Wesentlichen erfasst haben.

Metakognitive Kontrollstrategien sind also von ganz entscheidender Bedeutung während des Leseprozesses, aber auch schon vor dem Lesen. Bereits bevor der Leser einen Text überhaupt liest, sollte er sich im Klaren darüber sein, mit welchem Ziel der Text gelesen wird, um dann den entsprechenden Modus des Lesens passend zu wählen: Soll der Text gescannt werden, um punktuell Informationen zu entnehmen? Geht es um genussvolles Lesen, um Zerstreuung, um ein Eintauchen ins Narrative, soll also in Ruhe gelesen werden? Oder sollen komplexe Zusammenhänge erschlossen und verstanden werden, die ein verlangsamtes, tiefes, ja analytisches Lesen erforderlich machen? Das deep reading digitaler Texte stellt eine besondere Herausforderung dar: Das scannende Lesen eines Textes am digitalen Endgerät kann dazu führen, dass das digitale Lesen oft verhältnismäßig schnell ausgeführt wird. Um einen Text bzgl. dessen (komplexe) Inhalte und Zusammenhänge aber wirklich zu erfassen und zu durchdringen, bedarf es einer bewussten Verlangsamung des Leseprozesses: Zurückgehen im Text, Passagen mehrfach lesen, sich Notizen machen – all das erfordert permanente Metakognition: Der Lesende muss sich regelrecht zur Konzentration und zur Verlangsamung zwingen, anderes, z. B. Apps und Programme am mobilen Endgerät, ausblenden und sich Zeit nehmen.

Digitales Lesen – social reading

Das digitale Lesen bietet aber auch vielfältige Wege für einen für das Verstehen von Texten wichtigen kreativ-produktiven Umgang. So kann das social reading eine authentische Möglichkeit für Kinder und Jugendliche sein, den Lesevorgang über das Rezipieren hinaus zu erweitern – durch Formen der Interaktion und Anschlusskommunikation über das Gelesene im öffentlichen Bereich, z. B. in Form von Blogeinträgen, Wikis, Apps oder durch Kommunikation in sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram und Twitter. Am Lernort Schule ist dies, die dort geltenden Datenschutzrichtlinien beherzigend, beispielsweise im geschützten Raum einer Lernplattform wie mebis mit Aktivitäten in einem Forum, Wiki oder Chat möglich.

Kritisches Lesen in Zeiten von Fake News

Lesen bedeutet, Wissen zu erwerben, Vorstellungen aufzubauen, Wirklichkeit zu konstruieren, sich eine Meinung zu bilden, die Aussagen, Inhalte und Absichten eines Textes kritisch zu hinterfragen und zu reflektieren. Insbesondere im digitalen Zeitalter gilt es, relevante und verlässliche Informationen von Fake News zu unterscheiden. Leseförderung und -erziehung gehen einher mit der Aufgabe, bei den Schülerinnen und Schülern ein Bewusstsein für die Notwendigkeit der kritischen Auseinandersetzung und des Urteilens zu schaffen. Dies gilt für die Nachrichten in digitalen Medien ganz besonders. Damit wird im Sinne der schulart- und fächerübergreifenden Bildungs- und Erziehungsziele, insbesondere der Politischen Bildung und der Medienbildung, ein Baustein zur Grundlage für die gesellschaftliche Teilhabe als mündige Bürgerin/mündiger Bürger gelegt.

 

Quellen:

Feierabend, S. (2013). Unstandardisiertes Lesen in der digitalen Welt nimmt zu. In J. F. Maas, S. C. Ehmig (Hrsg.) (2013). Zukunft des Lesens. Was bedeuten Generationswechsel, demografischer und technischer Wandel für das Lesen und den Lesebegriff? Mainz: Stiftung Lesen. S. 20 – 28.

Wanning, B. Prof. Dr. (2014). Lesestrategien für digitale Medien. Präsentation zur Fachtagung der Stiftung Lesen 2014. Digitale Medien. Chancen für das Lesen. Zugriff am 15.03.2018. Verfügbar unter: https://www.stiftunglesen.de/download.php?type=documentpdf&id=1382.

Philipp, Maik (2018): Lesekompetenz bei multiplen Texten. Grundlagen, Prozesse, Didaktik. Tübingen: narr. S. 127.

 

 

 

 

Wissenstransfer: aktueller Forschungsstand

Stavanger Erklärung von 130 europäischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern

(Überraschend) präsent ist der derzeitige Forschungsstand zum digitalen Lesen in den Medien. Mit der Stavanger Erklärung, die mehr als 130 europäische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlicher der Forschungsinitiative E-READ (Evolution of Reading in the Age of Digitisation) im Oktober 2018 unterzeichneten, ist (erneut) der Diskurs angestoßen, was das digitale vom analogen Lesen unterscheidet und welches Lesen welche Vorteile bietet.

Folgende Befunden werden in der Erklärung genannt:

  • Digitale Texte und Leseumgebungen eröffnen gute Möglichkeiten, die Texte in ihrer Form an individuelle Bedürfnisse und Vorlieben der Lesenden anzupassen. Gerade für die Individualisierung und explizit das Eingehen auf Schülerinnen und Schüler mit individuellen Lese- und Lernschwierigkeiten (beispielsweise auch motorische Beeinträchtigungen) ist dies eine Chance.
  • Beim Lesen digitaler Texte wird der Lesemodus des Scannens bevorzugt, sodass die Begegnung mit dem Text damit schnell weniger konzentriert erfolgt.
  • Das Verständnis langer informativer Texte ist beim Lesen in analoger Form besser als bei digitalen Texten. Diese Unterschiede gibt es bei narrativen Texten nicht.
  • Individuelle Lernprofile, Erfahrungen, Unterschiede in Fähigkeiten und Veranlagung beeinflussen das Verstehen und Verarbeiten von (digital) Gedrucktem. 

Aus diesen Befunden leiten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler folgende Empfehlungen ab:

  •  Die Bedingungen, die das Lesen und Verstehen analoger und digitaler Texte unterstützen oder behindern, sollten systematisch erforscht werden.
  • Strategien für tieferes Lesen digitaler Texte müssen an Schülerinnen und Schüler vermittelt werden.
  • Weiterhin sollen Kinder und Jugendliche zum Lesen gedruckter Bücher motiviert und dafür Zeit in den Schulen vorgesehen werden.
  • Insbesondere im Primarbereiche sollten digitale Technologien pädagogisch begleitet und durch sorgsam entwickelte Lerntools und -technologien begleitet sein.
  • Es bedarf besonderer Leitlinien für die Einführung digitaler Technologien und beispielsweise eines empirisch validierten Unterrichts in digitalen Lesefertigkeiten.

Außerdem werden Fragen für die künftige Forschung gestellt:

  • Wo liegen die Vorteile digitaler Texte (in welchen Lesekontexten und für welche Lesergruppen)?
  • Wann sind hingegen Texte in analoger Form zu bevorzugen?
  • Wird das „Scannen“ von Texten, mit geringerer Konzentration und weniger tiefer Verarbeitung, zum Standardmodus des Lesens und hat damit auch Auswirkungen auf das Lesen von Gedrucktem?
  • Wie kann die tiefe Verarbeitung von Texten, insbesondere von digitalen, gefördert werden?

Zwar beantwortet die Stavanger Erklärung selbstredend nicht alle Fragen im Hinblick auf das Digitale Lesen, dennoch ist sie von großer Bedeutung insofern, als sie

  • zeigt, dass sich zahlreiche Forschende (interdisziplinär!) mit der Thematik befassen,
  • zentrale Fragen für die zukünftige Forschung formuliert,
  • deutlich macht, dass weder das digitale noch das herkömmliche Lesen „besser” ist, es aber abzuwägen gilt, wann welches Format welche Vor- und ggf. Nachteile bietet,
  • formuliert, dass Schule sich weiterhin dem Aufbau der basaler Lesefähigkeiten gedruckter Texte widmen, ebenso aber die Entwicklung digitaler Lesefähigkeiten begleiten muss.

Ganz zentrales, aus der Erklärung resultierendes Handlungsfeld für die Schule ist die Fort- und Weiterbildung der Lehrkräfte im Abwägen zwischen herkömmlichem und digitalem Lesen, der pädagogischen Begleitung des digitalen Lesens mit der Vermittlung entsprechender Stategien/der Nutzung von Lese-Tools und der metakognitiven Selbstkontrolle ­– nahe an den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen orientiert. 

Die deutsche Übersetzung der Stavanger Erklärung, wie sie am 22. Januar 2019 in der FAZ veröffentlicht wurde, können Sie hier nachlesen.

Hilfe: Vertiefende Literatur, Tipps und Good-Practice

Hier finden Sie Hinweise auf weiterführende Literatur und erste Materialien:

weiterführende Literatur:

  • Die Stiftung Lesen bietet Informationen zum Umgang mit dem Lesen in und mit digitalen Medien.

        Riethmüller, Heinrich: Lesekultur im Wandel (Essay), S. 34 35

        van der Broeck, Paul et. al.: Der Kontakt zu unserer Kultur steht aus dem Spiel. Acht   

        Leseforscher aus verschiedenen Disziplinen antworten auf Fragen zum Einfluss der Digitalisierung, S. 36 40 

Materialien:

Methoden zum digitalen Lesen