mobile Navigation Icon

Antonia Michaelis: Im Schatten des Märchenerzählers

Besprechung

Eine fesselnde Geschichte zwischen Märchen und Realität

Vor 11 Jahren ist Antonia Michaelis‘ berühmter und für den Jugendliteraturpreis nominierter Roman „Der Märchenerzähler“ erschienen. Zwar ist es für die Lektüre der Fortsetzung „Im Schatten des Märchenerzählers“ hilfreich, den ersten Band zu kennen, aber unbedingt notwendig ist es nicht, denn die Vorgeschichte der Figuren wird erklärt.

Die Ereignisse des ersten Bandes werden allerdings zeitlich ein wenig zurückgedreht, denn sie haben nicht vor 11, sondern vor 18 Jahren stattgefunden. Damals hat der achtzehnjährige Abel Tannatek seinen Stiefvater und einen Sozialarbeiter umgebracht, denn der Stiefvater wollte Abels sechsjährige Halbschwester Micha missbrauchen, und der Sozialarbeiter hatte vor, Micha ihrem Halbbruder wegzunehmen und in ein Heim zu geben, da sich die Mutter der beiden vor kurzem umgebracht hat. Während dieser schrecklichen Ereignisse verliebt sich der aus prekären Verhältnissen stammende Abel in Anna, die in einem gut situierten Elternhaus ein sorgenfreies und behütetes Leben führt. Obwohl Anna weiß, dass Abel mit Drogen dealt, auf den Strich geht und ein Mörder ist und obwohl er sie schließlich sogar vergewaltigt, hält sie zu ihm, denn sie liebt ihn und er ist ein begnadeter Erzähler, der die Ereignisse der Wirklichkeit in ein hinreißendes und grausam schönes Märchen umwandelt, mit dem er vor allem seine kleine Schwester unterhält und von der Realität ablenkt. Nach dem Mord an seinem Stiefvater bringt sich Abel um, da seine Situation ausweglos erscheint. Anna bleibt allein zurück und kann Abel nur in der Phantasiewelt des Märchens lieben.

Wie im ersten Band wird auch im zweiten parallel zu den Ereignissen in der Realität ein Märchen erzählt. Dieses Mal jedoch erzählt nicht der Märchenerzähler, der sich vor achtzehn Jahren getötet hat, sondern das Märchen steht in Briefen, die Anna auf Abel Tannateks Grab findet. Aus Abels und Annas Beziehung ist ein Sohn hervorgegangen: Elias, der inzwischen fast 18 Jahre alt ist und kurz vor dem Abitur steht. Auch Micha, Abels Schwester, spielt im zweiten Band eine Rolle, sie ist bei Annas Eltern aufgewachsen und studiert Medizin. Elias erfährt von der Existenz der Briefe, liest sie selbst, will unbedingt den Verfasser finden und lernt dabei die kratzbürstige Zara kennen, die wie sein Vater aus der Plattenbausiedlung stammt und die ihren fünfjährigen Bruder Mert vor ihrem gewalttätigen Stiefvater schützen will. Abels und Annas Geschichte scheint sich zu wiederholen, auch wenn der schüchterne, musikalische Elias, der sich noch nie geprügelt hat, seinem Vater charakterlich so gar nicht zu gleichen scheint, obwohl er ihm sehr ähnlich sieht. Aber je länger Abel mit Zara zu tun hat, je mehr er in die Welt der Totenkopfkinder aus der Plattenbausiedlung eintaucht, desto stärker verändert sich sein Charakter. Er schwänzt die Schule, interessiert sich weder für seine Hobbys noch für seine Zukunft und schließlich schlägt er sich mit den Jungen aus der Siedlung. Elias selbst fürchtet, so zu werden wie sein Vater, zumal alle, die Abel gekannt haben, Elias auf die Ähnlichkeit mit ihm hinweisen.

Während Elias den Verfasser der Briefe sucht, glaubt er immer wieder, einen Schatten zu sehen, der ihm folgt, den Schatten eines Wolfes, der auch in dem Märchen, das ständig fortgeschrieben wird, eine wichtige Rolle spielt. Der Junge ist schließlich davon überzeugt, dass sein Vater noch lebt und der Verfasser des Märchens ist und dass er selbst zwangsläufig so werden muss wie Abel; außerdem werden wieder mehrere Morde begangen und Elias ist immer am Tatort, kann sich später aber nicht mehr daran erinnern, was er dort getan hat.

Didaktische Hinweise

Am Schluss stellt sich heraus, dass Elias niemanden umgebracht hat und dass Abel vor achtzehn Jahren tatsächlich gestorben ist. Im Gegensatz zu Abel und Anna können Zara und Elias die Spirale aus Armut, Perspektivlosigkeit, Missbrauch, Gewalt und Rache durchbrechen und miteinander glücklich werden. Die positive Botschaft dieses Romans ist, dass soziale Ausgrenzung, Brutalität des Umfelds und finanziell prekäre Verhältnisse nicht automatisch zu Perspektivlosigkeit, Verzweiflung und Gewalt führen müssen. Aber Antonia Michaelis zeigt auch eindrucksvoll auf, wie schwierig und aufreibend der Weg aus Abels und Zaras Welt Annas und ihrer Eltern ist. Im Unterricht kann man Elias‘ Suche nach Identität und die Schwierigkeiten der ersten Liebe thematisch aufgreifen und auch auf Antonia Michaelis‘ zauberhafte Sprache und ihre gewandte Erzähltechnik eingehen. Die Autorin erzählt wie immer packend und spannungsreich, sodass jugendliche Leserinnen und Leser der Geschichte hingerissen folgen werden.

Inzwischen stehen auch kostenlose Materialien zu dem ersten Band, „Der Märchenerzähler“, auf der Website des Oetinger Verlags bereit. Das ausführliche Unterrichtsmodell und die sorgfältig aufbereiteten Arbeitsblätter lassen sich auch für den zweiten Band nutzen, da die Thematik und die literarische Ausgestaltung ähnlich sind.

 

 

Gattung

  • (Kinder-) Kriminalliteratur, Thriller (Horror, Gruselliteratur)
  • All Age
  • Romane

Eignung

sehr gut als Klassenlektüre geeignet und zum Vorlesen

Altersempfehlung

Jgst. 10 bis 13

Fächer

  • Deutsch
  • Ethik/Religionslehre (Evang. Religionslehre

FÜZ

  • Familien- und Sexualerziehung
  • Kulturelle Bildung
  • Soziales Lernen

Erscheinungsjahr

2022

ISBN

9783751201650

Medien

  • E-Book