Zoran Drvenkar: Asa
Besprechung
Mit „Asa“ legt Zoran Drvenkar einen 700 Seiten umfassenden, sehr spannenden Thriller vor, der anhand einer Familiensaga die Chronik eines ganzen Jahrhunderts nachzeichnet. Der Roman entfaltet die Geschichte der Familie Kolbert im 20. und 21. Jahrhundert, die in Schlesien beginnt und in die Uckermark führt. Dabei kommen sowohl die Polarexpedition des Großvaters um 1900, die beiden Weltkriege und die daraus resultierende Vertreibung zur Sprache vor, was in der Familie das Bedürfnis auslöst, immer stärker abgehärtete Nachkommen hervorzubringen. Dafür entwickelt sie und mit ihr das gesamte Dorf in der Uckermark einen Initiationsritus, dem sich die Kinder stellen müssen und der im Laufe der Zeit viele unschuldige Opfer fordert. Bei der sogenannten „Prüfung“ macht man den Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf drastische Art und Weise begreiflich, dass das bevorstehende Leben alles andere als leicht sein wird und es deshalb große Stärke braucht, um sämtliche zukünftige Herausforderungen zu meistern.
Auch Asa Kolbert wächst in dem von ihrem Urgroßvater Marten begründeten Glauben auf, dass jeder Mensch entweder Jäger oder Beute ist. Zusammen mit einer Gruppe gleichaltriger Jugendlicher kauert sie, als sie ihr Initiationsalter erreicht hat, in einem dunklen Erdloch und wartet darauf, dass „die Prüfung“ beginnt. Als man sie dann herauslässt und sie wie alle anderen – gejagt von den Erwachsenen des Anwesens – um ihr Leben rennen muss, um den sicheren Ort zu erreichen, der ihr im Vorhinein bezeichnet wurde, wachsen in ihr Zweifel an der Sinnhaftigkeit des brutalen Rituals, das jede und jeden von ihnen auf die Härten des Lebens vorbereiten soll. Verstärkt und endgültig in aktive Auflehnung gegen die Bräuche umgewandelt werden diese, als Asa klar wird, dass man unter die Jungen und Mädchen aus dem Dort auch unschuldige Fremde mischt, die entführt und von vornherein zu Opfern des Rituals auserkoren wurden.
Es ist jedoch ein weiter Weg voller Gefahren, den Asa auf sich nimmt, als sich gegen die Welt ihrer Vorfahren stellt und dabei mit Verrat und Gewalt konfrontiert wird.
Didaktische Hinweise
Zoran Drvenkar beschreibt ihn kunstvoll und mit ständigen Sprüngen aus der Gegenwart in die Vergangenheit und zurück sowie zahlreichen Schauplatzwechseln und Figuren, die man nicht so schnell wieder vergisst. Das ist literarisch anspruchsvoll und es braucht eine gewisse Eingewöhnungszeit beim Lesen, unter anderem bedingt durch die Montage unterschiedlicher Erzählstimmen, die den Roman bereichern, was auch daran liegt, dass die Titelfigur als „Du“ angesprochen wird.
„Asa“ erzählt von sozialen Utopien, von den zahllose Opfer fordernden Weltkriegen, vom Fanatismus, Faschismus und den Systemwechseln, die das 20. Jahrhundert geprägt haben, aber auch von den Gefahren radikaler Kräfte, die unsere heutige Zeit weiterhin bestimmen. Mit „Asa“ ist Zoran Drvenkar somit ein großer Roman gelungen, der die Frage stellt, ob unsere Welt tatsächlich eine sein will, in der sich der Stärkere über etablierte Regeln und moralisch-ethische Gebote hinwegsetzen darf und allein aufgrund seiner Macht das Recht hat, den Gang der Dinge zu bestimmen. Drvenkars zentrale Figur widersetzt sich der Ideologie ihrer Vorfahren, indem sie erkennt, dass das Recht des Stärkeren auch Unrecht sein kann, gegen das sich wenden muss, wer auf der Suche nach neuen Wegen die alten Fehler nicht wiederholen will.
Der Roman eignet sich als Lektüre ab Jahrgangsstufe 10, stellt aber aufgrund seines Umfangs und der Komplexität einige Anforderungen an seine Leserinnen und Leser. Er erlaubt es, sich mit gesellschaftlichen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts auseinanderzusetzen, dabei gesellschaftliche und moralische Fragen zu diskutieren sowie erzähltechnische Besonderheiten aufgrund der Zeitsprünge und der unterschiedlichen Erzählperspektiven in den Blick zu nehmen und somit zum literarischen Lernen beizutragen.
Gattung
- (Kinder-) Kriminalliteratur, Thriller (Horror, Gruselliteratur)
- All Age
- Romane
Sachbuchkategorie
- Politik, Gesellschaft
- Philosophie, Religion, Menschsein
- Literatur, Lesen, Sprache
Zielgruppe
Junge ErwachseneEignung
für die Schulbibliothek empfohlenAltersempfehlung
Jgst. 11 bis 13Fächer
- Deutsch
- Ethik/Religionslehre (ev)
- Geschichte
- Philosophie
- Sozialkunde/Politik und Gesellschaft
FÜZ
- Kulturelle Bildung
- Politische Bildung
- Soziales Lernen
- Sprachliche Bildung
- Werteerziehung
Erscheinungsjahr
2025ISBN
9783518475119Umfang
695 SeitenMedien
- Buch