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Jason Reynolds: Long way down

Besprechung

Die Regeln der Rache

Der neue Roman des preisgekrönten Autors besteht aus Gedichten. Auf jeder Seite finden sich nur wenige Zeilen, ungewöhnlich gesetzt. Die Handlung wird dabei in einer Art Bewusstseinsstrom des Ich-Erzählers skizziert. 

Shawn, der ältere Bruder des fünfzehnjährigen Will, wird vor dem Haus, in dem die beiden mit ihrer verwitweten Mutter leben, erschossen. Will ist mit drei Regeln aufgewachsen: Männer weinen nicht, sie verpetzen niemanden bei der Polizei und sie nehmen Rache, wenn jemand aus dem Freundeskreis oder der Familie getötet wird. Das setzt eine Spirale der Gewalt in Gang, die von Will zu Beginn der Handlung jedoch nicht hinterfragt wird. Will nimmt die Waffe seines Bruders aus der Kommode, entschlossen, den Mörder damit zu töten. Er ist sich sicher zu wissen, dass Rigg, ein Junge aus einem verfeindeten Revier, Shawn ermordet hat, und steigt in den Fahrstuhl, der ihn in die Lobby bringen soll. Diese Fahrt nach unten wird jedoch ungewöhnlich lang; dieses Faktum erklärt den Titel und das Titelbild des Romans. 

Auf dem Weg ins Erdgeschoss steigen in jedem Stockwerk Menschen zu. Will braucht immer eine Weile, bis er den jeweils Zugestiegenen erkennt. Es handelt sich dabei um die Seelen oder Geister seiner Verwandten und Freunde, die bereits ermordet worden sind. Nach und nach wird deutlich, was es mit jedem Einzelnen auf sich hat. Als Erster steigt Shawns väterlicher Freund Buck zu, der Shawn die Waffe gegeben hat, die Will nun benutzen will. Im nächsten Stockwerk erscheint Dani, Wills Freundin aus der Kindheit, die auf dem Spielplatz vor seinen Augen erschossen worden ist, als die beiden acht Jahre alt waren. Ein „Kollateralschaden“ des Bandenkriegs. Als Nächster steigt Wills Onkel Mark zu, der als Dealer zwischen die Fronten der Gangs geraten und umgebracht worden ist, als Will ein Kleinkind gewesen ist. Nun erscheint auch Wills Vater, an den sich der Junge nicht mehr erinnern kann, denn bei seiner Ermordung ist er erst drei Jahre alt gewesen. Wills Vater gilt als Rächer seines Bruders Mark, hat aber den Falschen erschossen; diese Eröffnung bringt Will völlig aus dem Gleichgewicht, da er sich seinen Vater immer als Helden vorgestellt hat; noch verwirrter und verzweifelter wird der Junge, als ihm sein Vater die Pistole an den Kopf hält; Will verspürt Todesangst, weint und nässt sich ein, beginnt also die Regeln zu brechen. Als Nächster tritt ein Unbekannter auf, Bucks Mörder Frick, der Buck ermordet hat, weil er in eine Gang aufgenommen werden wollte. Will muss erschüttert erkennen, dass Frick deshalb von seinem Bruder Shawn ermordet worden ist, wovon Will bislang nichts wusste. Als Letzter tritt Shawn selbst auf, der Wills Weltbild noch stärker ins Wanken bringt, denn anscheinend ist Rigg, den Will töten möchte, nicht Shawns Mörder gewesen. Offen bleibt, ob Will nach diesen Begegnungen seinen ursprünglichen Plan umsetzen wird, denn der Roman endet mit Shawns doppeldeutiger Frage: „Kommst du?“

Didaktische Hinweise

Der lange Weg nach unten stellt die drei Regeln und Wills Vorstellungen von Richtig und Falsch in Frage. Eindringlich und erschütternd wird dem Leser die ununterbrochene Spirale der Gewalt vorgeführt, die Wills Leben und das seiner Verwandten und Freunde zerstört hat. Dass diese Spirale durchbrochen werden muss, wenn die Überlebenden eine Chance auf ein erträgliches Leben haben wollen, wird in diesem Roman mehr als deutlich und zeigt Jugendlichen, vor allem den männlichen, demonstrativ und packend, dass Gewalt zu noch mehr Gewalt führt und lediglich vernichtend und zerstörend wirkt. 

Der Roman ist für neunte und zehnte Klassen, in denen viele Jungen sind, eine äußerst geeignete Klassenlektüre. Durch die Versform, die auf den ersten Seiten vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig wirken könnte, liest sich das Buch rasch und der Leser gerät sehr schnell in den Sog der Erzählung. Dadurch könnten auch Lesemuffel zur Lektüre verführt werden. Besonders schön sind die immer wieder eingestreuten Anagramme, die Wörter miteinander in Beziehung setzen, die zunächst nichts miteinander gemeinsam haben, wie „Toter“ und „Torte“ oder „Sarg“ und „Gras“ und die zu Assoziationen anregen. Überdies könnte man mit Reynolds Roman womöglich auch junge Menschen zur Lektüre von Gedichten anregen, die mit Poesie bislang nichts anfangen konnten. 

Sehr empfehlenswert ist das Video mit Jason Reynolds auf der Webseite des Verlags. Reynolds erzählt darin von seiner Kindheit und Jugend in den 80er und 90er Jahren in Washington. Jugendliche werden den Autor sicher als äußerst „cool“ empfinden. Außerdem gibt es auf dieser Seite noch ein kurzes Porträt und einen Link auf die Homepage des Autors.

Alle hier rezensierten Werke von Jason Reynolds

Gattung

  • Lyrik
  • Romane

Eignung

für die Schulbibliothek empfohlen und zum Vorlesen

Jahrgangsstufen

9 bis 10

Fächer

  • Deutsch
  • Interkulturelle Erziehung
  • Ethik/Religionslehre (Evang. Religionslehre

FÜZ

  • Alltagskompetenz und Lebensökonomie
  • Interkulturelle Bildung
  • Soziales Lernen
  • Werteerziehung

Erscheinungsjahr

2019

ISBN

9783423650311

Umfang

320 Seiten

Medien

  • Buch
  • Hörbuch