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Chen Jianghong: An Großvaters Hand. Meine Kindheit in China

Besprechung

Anders als der Titel der französischen Originalausgabe „Mao et moi“ lässt die deutsche Fassung „An Großvaters Hand“ nur im Untertitel den Bezug zur Autobiographie erkennen: „Meine Kindheit in China“. Der geschichtliche Hintergrund erschließt sich erst bei der Lektüre der 77 in verschiedene Raster unterteilten Bildseiten erschließen. Das Cover selbst entspricht genau dem deutschen Titel und zeigt Enkel und Großvater Hand in Hand vor rotem Hintergrund. Diese Enkel-Großvater-Beziehung spielt eine zentrale Rolle, insbesondere ab dem Moment, in dem der Vater für viel Jahre in einem Umerziehungslager verschwindet. Nur die Phantasie holt ihn für das Kind als Umriss in den Maserungen der Wand zurück. Seine Rolle als Zeichner entwickelt sich später beim Gestalten von Wandzeitungen. Zuhause kann er von klein auf nur auf dem Fußboden zeichnen, wenn die großen Schwestern Kreide ergattern, denn Papier kann sich die Familie nicht leisten. Sein einziges Spielzeug als Kleinkind sind Bauklötze, an deren Beispiel er die Philosophie des Großvaters erfährt: “Wenn man eine Sache, eine einzige Sache, wirklich begriffen hat, dann kann man alles begreifen. “Der Großvater wird im Umgang mit den Enkeln, mit der Großmutter, dann aber auch im öffentlichen Raum gezeigt. Mit seinen Altersgenossen im Park vergleicht er Singvögel und vertritt zum Entsetzen des Kindes lautstark seine Meinung. Wie im Film schwenkt auf einer Doppelseite der Blick aus weiter Entfernung auf die Gruppe von sieben Personen. Der Raum ist durch die Bäume, die in der Erinnerung später eine Rolle spielen, deutlich in Vorder- und Hintergrund geschieden. Es sind sehr individuelle Gestalten, die im Zentrum als Dreiergruppe im Kreis stehen, zum Rand hin die Diagonale betonen und dabei das Rot des Hintergrundes freigeben. Dieses warme Rot sowie die in hellen Farben gehaltenen Vogelkäfige in ihrer Reihung, die den Mauerziegeln nach Form und Farbe als Echo entsprechen, machen diese Komposition sehr dynamisch und farblich höchst interessant.

Diese Bilder sind sehr differenziert, was die Zeichnung der Gesichter, der Körperhaltung und insbesondere der Hände betrifft. Das ist ein deutlicher Kontrast zu den Massenszenen später etwa auf S. 22. Die brutale Gewalt, die zunehmend ins Spiel kommt, spiegelt sich in den verzerrten Gesichtszügen mit den aufgerissenen Mündern und in der Körperhaltung sowie der Perspektive, der Untersicht, aus der die Rotgardisten auf S. 27 so gezeigt werden, wie sie das kleine Kind wahrgenommen hat. Es wechseln typische Kindheitserinnerungen an Spiele, an das Geschichtenerzählen der Großmutter mit solchen an historische Vorgänge, die immer auf die Person des Erzählers bezogen bleiben. Der Kinderblick ist offen, neugierig und nur sehr behutsam wertend im Hinblick auf das individuelle Schicksal. Das macht die Erzählung berührend und verhindert Klischees. Dokumentiert werden die Lebenswelten vor und während der Kulturrevolution, das Schlussbild bezieht sich auf die aktuelle Situation.

Ein wunderbares Bilderbuch, das mit Recht für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2010 nominiert wurde. Die Übersetzung der kurzen Texte aus dem Französischen besorgte Tobias Scheffel. Eine Lese- oder Schauprobe gibt's beim Verlag.

Didaktische Hinweise

Es gibt viele Hinweise auf kulturelle Besonderheiten, die eine Besprechung lohnen: die Wohnbedingungen, die Ernährung, die Schule, das Arbeitsleben, die Begräbnisrituale, die Verknüpfung von Geld und Glück beim Verbrennen der falschen Geldscheine für den toten Großvater und vieles mehr. Ein Vergleich mit den Jugenderinnerungen von Peter Sis aus Prag („Die Mauer“) oder von der Iranerin Marjane Satrapi im ersten Band des Comics von Persepolis liegt nahe, weil alle drei Autoren aus autobiographischer Sicht politische Umwälzungen beschreiben. Hierbei können die zeichnerischen Mittel verglichen werden, bei Peter Sis kommt auch ein Zeichentrickfilm hinzu, bei Satrapi der Kinofilm. Im Kunstunterricht können die besprochenen Seiten 14 und 15 als Grundlage für Übungen mit Tusche, Pinsel und eventuell Feder eingesetzt werden. Das Kompositionsschema lässt sich grob skizzieren. Im Stil von Comics können die Figuren noch stärker vereinfacht werden. Die Gestaltungsmöglichkeiten von individuellen Figuren oder solchen einer Masse lassen sich auf der Grundlage dieses Buches gegeneinander abgrenzen. Schriftzeichen sind nachzufahren, wenn man die Raster der chinesischen Schulhefte übernimmt.

Alle hier rezensierten Werke von Chen Jianghong

Gattung

  • Bilderbücher

Eignung

für die Schulbibliothek empfohlen

Jahrgangsstufen

5 bis 12

Fächer

  • Geschichte
  • Kunst (Fachzeichnen)
  • Zusätzliche Fächer (Fachunterricht)

Erscheinungsjahr

2009

ISBN

9783895652103

Umfang

77 Seiten

Medien

  • Buch