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Franzobel: Die Eroberung Amerikas

Besprechung

Ein furioser Roman über einen absurden Feldzug durch Florida

Allein die Rahmenerzählung ist ein Vergnügen für sich: Der idealistische Anwalt Trutz Finkelstein verklagt im Namen der indigenen Bevölkerung die USA und verlangt die Rückgabe Amerikas an die Indianerstämme. Am Ende des Romans geschieht das Unglaubliche: Der State Supreme Court lehnt die Klage zwar in vier Punkten ab, gibt ihr aber in einem Recht, was bedeutet, dass die Häuptlinge vor fünfhundert Jahren keine Legitimation dafür gehabt hätten, Stammeseigentum zu veräußern und Verträge mit den Eroberern abzuschließen, woraus folgt, dass das gesamte Gebiet der Vereinigten Staaten zurückgegeben werden müsse. Und der Roman endet mit den wundervollen Worten: „Hugh, sagten die Indianer. Die Menge applaudierte.“

Wie es zu diesen vom Gericht für nichtig erklärten Verträgen kommt, erfährt man in der Binnenhandlung, welche den irrwitzigsten der an irrwitzigen Eroberungsfeldzügen reichen Geschichte Amerikas schildert. Verschiedene Handlungsstränge, einer so mitreißend wie alle anderen, werden kunstvoll ineinander verwoben und wieder aufgedröselt. Wir folgen den Spuren Ferdinand Desotos und weiterer historisch verbürgter Persönlichkeiten wie Desotos erster und zweiter Frau, seinen Mitstreitern bei der Eroberung Floridas, Karl V. und seinem Hofstaat, und daneben und mittendrin tummeln sich erfundene, skurrile Figuren wie der junge Schiffbrüchige Elias Plim, der selbst Piraten mit seinen fantasievollen Geschichten um den Verstand redet und damit sein Leben rettet. Außerdem treten auf: zwei Gauner, ein Korsarenkapitän samt seiner Mannschaft und ein Anwalt, der um die halbe Welt reist, um einen Erben zu finden und dabei fast sämtliche Körperteile einbüßt. Sie alle begegnen sich und werden von den Ereignissen wieder auseinandergerissen, und am Ende hat niemand gefunden, was er gesucht und sich erhofft hat. Desotos Feldzug scheitert krachend, in den sumpfigen Gebieten Floridas findet sich vieles, aber nicht das ersehnte Gold.

Die faszinierendste Figur ist aber der Erzähler selbst, der die Geschehnisse auf höchst amüsante und immer wieder überraschende Weise kommentiert. So heißt es über die Landung von Desotos Heer an der Küste des zu erobernden Landes: „Florida! Kein Beamter einer Einreisebehörde, der ein Visum verlangte, sich nach dem Zweck des Aufenthalts erkundigte und wissen wollte, wie viel an Devisen, Alkohol und Zigaretten man dabeihatte, keine Fotos, keine Fingerabdrücke und keine Drogenhunde.“ Trotz seiner Ironie beschönigt der Erzähler jedoch niemals die Brutalität und Grausamkeit der Konquistadoren: „Der weitere Weg führte sie zu Dörfern mit unfreundlichen Bewohnern, denen man die Vorräte gewaltsam entreißen musste. Schweigsame Menschen, Ewigkeiten von den Errungenschaften der Zivilisation entfernt, ohne Grundbücher, Volkszählungen, Steuern.“

Das Nebeneinander von historischen Ereignissen und Elementen aus unserer Gegenwart zeigt, wie fern uns die Welt des 16. Jahrhunderts ist, und es macht die Besonderheit dieses atemberaubenden Romans aus.

Didaktische Hinweise

Die vollständige Lektüre des Romans ist natürlich nur in der Oberstufe möglich, wenngleich man Auszüge auch im Geschichtsunterricht der Mittelstufe einsetzen könnte, und erfordert sehr viel Einsatz, denn man muss nicht nur die kunstvolle Struktur des Romans herausarbeiten, sondern auch das Nebeneinander von historischen Tatsachen und Kommentaren des Erzählers. Ferner finden sich Anspielungen auf die „Odyssee“ und weitere intertextuelle Bezüge, wie etwa auf Joseph Conrads Roman „Herz der Finsternis“. Auch die zahlreichen wundervollen Anachronismen bedürfen einer genaueren Untersuchung: „Er beschuldigt sie, ihm auf den Hintern geklopft zu haben. Andere sprechen davon, dass sie ihre Position ausgenützt habe. Mitu ist das Wort dafür.“ Aber genau diese Elemente werden wohl jungen Leserinnen und Lesern viel Vergnügen bereiten.

Auf der Website des Zsolnay Verlags finden sich Leseproben, ein kurzes Interview mit Franzobel über die historischen Hintergründe und Informationen zum Autor.

Alle hier rezensierten Werke von Franzobel

Gattung

  • Romane

Eignung

als Klassenlektüre geeignet und zum Vorlesen

Altersempfehlung

Jgst. 11 bis 13

Fächer

  • Deutsch
  • Geschichte
  • Interkulturelle Erziehung
  • Sozialkunde/Politik und Gesellschaft

FÜZ

  • Kulturelle Bildung
  • Interkulturelle Bildung
  • Politische Bildung
  • Werteerziehung

Erscheinungsjahr

2021

ISBN

9783552072275

Umfang

544 Seiten

Medien

  • E-Book
  • Buch