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Martin Muser: Manchmal fliegt einem alles um die Ohren/ Kannawoniwasein Bd.2

Besprechung

1 Woche Ferien in Polen: die große Freiheit wird bei Finn und Jola zu einem kleinen Abenteuer

Im ersten Band von „Kannawoniwasein!“ haben sich Finn und Jola kennengelernt. Nun im zweiten brechen sie zu gemeinsamen Sommerferien bei Jolas Großeltern in Polen auf. Der Onkel, der mit Kühlschränken zwischen Deutschland, Polen und der Ukraine schachert, nimmt die beiden mit. Kurz nach der Grenze ist schon Halt. Dort leben „babcia“ und „dziadek“, Opa und Oma, die die beiden mit reichlich leckerem polnischen Essen versorgen, ihnen aber ansonsten alle Freiheiten lassen. So streunern die beiden umher und treffen auch auf Orte der deutsch-polnischen Geschichte. Außerdem machen sie mit dem kleinen Antek und dessen dreibeinigen Hund ein Floß fahrtüchtig, mit dem sie auf der Oder schippern, bis sie ein deutsches Geschwisterpärchen mit einem Jetski zum Kentern bringt. Antek ertrinkt beinahe, sein Hund bleibt verschwunden. Mit den Brüdern geraten Finn und Jola mehrmals aneinander. Sie beobachten sie aber auch dabei, wie sie auf einem polnischen Markt Feuerwerkskörper kaufen, die sie in Gartenzwergen versteckt über die Grenze schmuggeln wollen. Diese Entdeckung lädt zu Schabernack ein...
Daneben gibt es aber auch über Jolas Schwester und deren deutschen Freund Ulf reichlich zu lachen – helfen die beiden doch topgestylt und im Cabrio dabei mit, einen ausgebüxten Jungbullen zu fangen. Das kann nur in Klamauk enden! Und dann ist da noch der geheimnisvolle Karton, den Jolas Onkel unter ominösen Umständen an der Grenze erwirbt und bei den Großeltern versteckt…
Muser, Autor vieler Drehbücher, hat mit seinem zweiten Kinderbuch wieder eine lesenswerte Geschichte geschrieben. Die Reihe punktet nicht nur mit den unterhaltsamen Episoden, sondern auch mit dem entspannten Umgang der Kulturen. Finns Mama ist seit kurzem mit einem Ghanesen liiert, Jolas Eltern sind Polen, die in Oranienburg bei Berlin leben. Jola selbst fühlt sich als Deutsche und Polin. Die Abenteuer, die sie erleben, sind zeitlos: Zwei 11-bis 12-Jährige dürfen eine Woche bei Großeltern im Ausland verbringen. Neben kleineren lustigen Episoden müssen sie es auch mit zwei Fieslingen aufnehmen. Gerade Jola kontert geschickt und furchtlos – und manchmal etwas derb. Der Leser begegnet dabei auch vielen Klischees wie dem Polen, der Elektrogeräte aus Deutschland in Osteuropa verhökert und Dinge, die „vom Laster gefallen sind“, kauft. Dann gibt es noch die aufgebrezelte polnische Altenheimarbeiterin, die sich einen reichen deutschen Studenten mit Cabrio geangelt zu haben scheint und mit ihm die runde, stets backende Großmutter besucht. In der Geschichte überzeugen diese Figuren aber, sie sind sympathisch!

Didaktische Hinweise

„Kannawoniwasein!“ ist eine gute Klassenlektüre für Fünft- und Sechstklässlerinnen und -klässler – ihr Umfang ist gering, die Geschichten kurzweilig und anschaulich. Finn und die toughe Jola bieten sich in ihrem Handeln und/oder ihrer Herkunft für Jungen und Mädchen gleichermaßen als Identifikationsfiguren an.
Das deutsch-polnische Grenzgebiet, in dem die Geschichte spielt, laden zur Thematisierung im Unterricht ein: Die oben bereits angesprochenen Vorurteile und Klischees können zu verschiedenen Nationen recherchiert und ad absurdum geführt werden.
Finn und Jola stellen fest, dass sie zu Zeiten des zweiten Weltkrieges Feinde gewesen wären – nur aufgrund ihrer Nationalität (S. 42). Dieser Krieg kann im Unterricht genauso behandelt werden wie Ursachen heutiger Ressentiments. Demgegenüber stellt sich die viel wichtigere Frage, was denn Freundschaft ausmache.
Das Gefühl, sich zwei Kulturen zugehörig zu fühlen, muss Thema sein:  „Ich bin ja auch nicht richtig polnisch, sondern irgendwas dazwischen“ (S. 42) sagt Jola von sich. Sie ist „so `ne Art Potsche“ (S. 42) oder „Deulin“ (S. 43). Und wer sind eigentlich „Franolen“ „Britolen“ und „Ghanatschen“ (S. 43)? Welche Mischungen gibt es in der Klasse und wer kommt dahinter, welche Nationen oder Regionen in einem stecken?
„Kannawoniwasein!“ ist von einem Drehbuchautor geschrieben worden. Viele Bilder wie die Anreise im mit Kühlschränken überladenen alten Lastwagen, der im Cabrio stehende Stier, der polnische Markt, der Pool mit seinem fehlenden Verbindungsteil und den Liegestühlen davor, die Gartenzwergraketen am Fuße des Kriegerdenkmals oder das Feuerwerk selbst laden dazu ein, als Bilder (im Kunstunterricht) umgesetzt zu werden. Mit einem kurzen Text und Sprechblasen dazu lässt sich eigentlich das ganze Buch nacherzählen. Ob man das mit Apps wie „Bookcreator“ oder ganz herkömmlich als gezeichnetes Comic-Panel umsetzt, ist dabei zweitrangig – die Bilder zählen.
Zu deren Präsentation muss es natürlich polnische Spezialitäten aus dem Buch geben: „babcia“ verwöhnt Finn und Jola mit „pierogi“, „zurek“ und „rogaliki“. Dazu kann man sich dann „smacznego“ - guten Appetit wünschen – wie das ausgesprochen wird, erfährt man im kleinen polnisch-deutschen Wörterbuch am Ende des Buches. Auch das ließe sich wie die typischen Rezepte auf die Dialekte und Sprachen der Klasse ausweiten…
„Kannawoniwasein!“ ist ein auf vielen Ebenen gewinnbringendes Buch, das mit viel Spaß im Unterrichtsalltag umgesetzt werden kann.

Gattung

  • Romane

Eignung

sehr gut als Klassenlektüre geeignet

Jahrgangsstufen

5 bis 6

Fächer

  • Deutsch
  • Interkulturelle Erziehung

FÜZ

  • Interkulturelle Bildung
  • Politische Bildung

Erscheinungsjahr

2019

ISBN

9783551553874

Umfang

158 Seiten

Medien

  • Buch
  • E-Book
  • Hörbuch