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Franz Fühmann: Das Judenauto (u. a. Erzählungen)

Besprechung

Der Ich-Erzähler versucht, sich seine frühesten verschwommenen, mit Geborgenheit und Erotik verbundenen Kindheitsvorstellungen ins Gedächtnis zu rufen. Konkret werden die Erinnerungen mit seinen Schulerlebnissen als Neunjähriger im Jahre 1931. Ein Mädchen kommt in die Klasse und erzählt seinen Mitschülern atemlos von dem angeblichen Gerücht, dass ein gelbes Auto mit vier Juden in der Gegend gesehen worden sei, die Mädchen einfingen und gnadenlos abschlachteten. Ohne Reflexion gibt die Schülerin die antisemitischen Gräuelgeschichten über die jüdischen Ritualmorde wider. Obwohl der Lehrer das Gerücht hinterfragt, glaubt der Erzähler das Gesagte und ersinnt sich eine abenteuerliche, erotisch-sadistisch geprägte Geschichte, in der er eine blonde, von ihm verehrte Klassenkameradin aus den Armen der Juden rettet. Am Nachmittag beschließt er, aus Angst vor einer Bestrafung durch die Eltern wegen Nachsitzens in der Schule, nach dem „Judenauto“ zu forschen. Er begegnet einem braunen Wagen, den er sofort mit dem gesuchten Auto gleichsetzt und vor dem er entsetzt wegläuft. Als er am anderen Tag eine erfindungsreiche Heldengeschichte in der Klasse erzählt, entlarvt ihn das Mädchen, welches er anschwärmt, als Lügner, der von ihrem Onkel, dem Autobesitzer, nach dem Weg gefragt, schreiend davongelaufen sei. Die Situation wird für den Erzähler gänzlich zum traumatischen Erlebnis, als ihn die Klasse in seinem narzisstischen Zornesausbruch schließlich auslacht. Er flieht aus der Klasse in die Toilette und durchlebt einen exzessiven Ausbruch von Hass gegenüber den Juden, der seine Schmach sublimieren soll. Der Autor gibt mit der aus der Ich-Perspektive geschriebenen Erzählung ein psychologisches Erklärungsmodell für den Antisemitismus, der als Ergebnis einer pubertären neurotischen Enttäuschung in Kombination mit unüberprüften Schauergeschichten und tradierten Vorurteilen entsteht.

Didaktische Hinweise

Charakterisierung des Erzählers; Motive für seinen Judenhass; Erzählhaltung, Perspektive, Zeitebenen; Entstehungsbedingungen des Antisemitismus; Untersuchung der Sprache

Alle hier rezensierten Werke von Franz Fühmann

Gattung

  • Kurzprosa, Erzählungen, Textsammlungen, Tagebücher

Eignung

themenspezifisch geeignet

Altersempfehlung

Jgst. 9 bis 10

Fächer

  • Deutsch
  • Ethik/Religionslehre (Evang. Religionslehre
  • Geschichte
  • Zusätzliche Fächer (Fachunterricht)

Erscheinungsjahr

1986 (1962)

ISBN

9783150098580

Umfang

Seiten

Medien

  • Buch