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Julia Drosten: Immer ein Licht am Horizont

Besprechung

Der Winter im Januar 1945 ist bitterkalt, die Rote Armee rückt vor und steht kurz davor, die westpreußische Stadt Thorn zu erreichen. Trotz der offensichtlichen Gefahr wird der dort lebenden Bevölkerung eine Evakuierung lange verweigert. Erst in letzter Minute darf Gisela Lentz mit ihren Kindern und den Schwiegereltern fliehen – ihr Ziel ist Gotenhafen, wo sie hoffen, mit einem Schiff in Sicherheit zu gelangen. Die Reise soll nach Berlin führen, denn sie hat mit ihrem Mann, der als U-Boot-Kommandant bei der Wehrmacht ist, vereinbart, dass die Familie dort in der Wohnung von Verwandten wieder zusammenfinden kann. Gisela schafft es tatsächlich, einen Platz auf der „Wilhelm Gustloff“ zu bekommen. Ihr ergeht es wie vielen Flüchtlingsfamilien: Nicht alle, die sich auf den Weg gemacht haben, werden auch in Berlin ankommen. 
Der historische Roman kann trotz der lange zurückliegenden Handlung viele Menschen heute ansprechen, denn diese Fluchtgeschichte, die exemplarische an einer Familie festgemacht wird, ist in eine Rahmenhandlung eingebettet: Das Buch beginnt mit dem Urteilsspruch einer Richterin, die den fünfzehnjährigen Lukas Lentz wegen Sachbeschädigung zu Sozialstunden verpflichtet. Lukas und seine Freunde haben rechte Parolen auf Statuen im Park gesprayt. Sie wollen damit ihren Unmut über die Politik in Deutschland und die ihrer Meinung nach zu bereitwillige Aufnahme von Flüchtlingen ausdrücken. Lukas zeigt wenig Einsicht in sein Fehlverhalten und wirkt gleichgültig. Erst ein Spaziergang mit seinem Großvater, auf dem dieser ihm seine eigene Geschichte erzählt, bewirkt letztlich eine andere Sicht auf Flüchtlinge. Der Großvater war selbst noch ein Kind, als er 1945 mit seiner Mutter und seinen Geschwistern und mit Millionen anderen aus Ostpreußen fliehen musste. In Gesprächen mit Lukas beginnt er, seine Erinnerungen an diese Zeit zu teilen. Lukas erkennt, dass er selbst ein Nachkomme von Flüchtlingen ist, die auf die Aufnahme der ansässigen Bevölkerung angewiesen waren. Durch diese Flüchtlingsgeschichte erschließt sich die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Didaktische Hinweise

Julia Drosten lässt den Roman aus der Sicht des kindlichen und in der Rahmenhandlung aus der Sicht des großväterlichen Henri erzählen. Damit werden die Fluchterlebnisse personalisiert und greifbar gemacht. Grauen wie das Ausgeliefertstein an Wehrmacht und Rote Armee oder die Vergewaltigung der eigenen Mutter werden durch die kindliche Sichtweise nur angedeutet, aber eben auch nicht ausgespart. Ein ausführliches Nachwort, mit dem deutlich wird, auf welcher Grundlage die historischen Aussagen basieren, rundet das Buch gelungen ab. 
Sobald man sich auf die Geschichte eingelassen hat, fällt es schwer, das Buch beiseitezulegen. Das Leid, die Angst und die Hoffnung der Familie berühren den Leser. Auch wenn die Familie Lentz erfunden ist, steht ihre Flucht stellvertretend für das Schicksal der geschätzten 12 bis 14 Millionen Menschen, die zwischen 1944 und 1946 geflohen sind. Auch heute sind Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg und Gewalt und nehmen dafür lebensbedrohliche Fluchtwege in Kauf. Die Erkenntnis, was Flucht damals wie heute für die Betroffenen bedeutet, machen das Buch aktuell und erschütternd zugleich. 
So ist der historische Roman eine empfehlenswerte Lektüre für jede Schulbücherei und empfiehlt sich auch für Buchvorstellungen in den entsprechenden Jahrgangsstufen.

Gattung

  • Romane

Eignung

themenspezifisch geeignet

Altersempfehlung

Jgst. 9 bis 13

Fächer

  • Geschichte
  • Deutsch

FÜZ

  • Politische Bildung
  • Soziales Lernen
  • Werteerziehung

Erscheinungsjahr

2025

ISBN

9798390600566

Umfang

452 Seiten

Medien

  • Buch
  • Hörbuch