Paul Murray: Der Stich der Biene
Besprechung
Im ersten Kapitel dieses umfangreichen Familienromans werden die Protagonisten vorgestellt. Im Mittelpunkt der Handlung steht die irische Familie Barnes, deren Leben ins Rutschen geraten ist. Dickie hatte den florierenden Autohandel seines Vaters übernommen, der der ganzen Familie über Jahrzehnte großen Wohlstand und selbstverständlichen Reichtum bescherte, und muss nun zusehen, wie aufgrund einer Rezession die Verkäufe ausbleiben, er von einem Mitarbeiter erpresst wird und er die Kontrolle über die Buchhaltung verliert. Im Laufe der Handlung wird ein kompliziertes Charakterbild von Dickie gezeichnet, das erklärt, warum er sich den wirtschaftlichen Problemen, die Auswirkungen auf seine ganze Familie haben, nicht stellt, sondern sich lieber in den Wald verzieht, um an einem Bunker zu bauen. Seine Frau Imelda stammt hingegen aus ganz einfachen, ärmlichen Verhältnissen und wurde in einer Familie groß, in der ihr Vater ein strenges Regiment führte. Er verteidigte die Schönheit und Jungfräulichkeit seiner Tochter und war überglücklich, als Imelda sich mit Frank, Dickies Bruder, verlobte. Als der erfolgreiche Football-Star und Everybody's Darling Frank bei einem Autounfall tödlich verunglückte, verband die Trauer Dickie und Imelda. Gegen alle Widerstände heirateten sie, wobei angeblich der Stich einer Biene aufs Auge von Imelda auf dem Weg zur Kirche dazu führte, dass sie während der ganzen Hochzeitsfeier ihr Gesicht verschleiert hielt. Imeldas Ehe mit Dickie entspringen zwar die beiden Kinder Cass und PJ, doch die Narben der Vergangenheit werden aufgrund des wirtschaftlichen Niedergangs überdeutlich. Imelda scheut genauso davor zurück, Dickie endlich für sein Verhalten zur Rede zustellen wie davor, den Avancen des erfolgreichen Geschäftsmanns Big Mike nachzugeben. Dessen Tochter Elaine ist die beste Freundin von Cass; die beiden sind fest entschlossen, so bald wie möglich dem Provinznest zu entfliehen und in Dublin zu studieren. Ihre gemeinsame Geschichte ist geprägt von pubertären Schwärmereien, exzessivem Trinken und einem ungeklärten Beziehungsstatus. Lange Zeit hat sie nur Gedanken für Elaine, ihr jüngerer Bruder PJ stört dabei nur. Er ist geplagt von Einsamkeit, hat Angst vor einer drohenden Scheidung seiner sich ständig streitenden Eltern und flüchtet sich in virtuelle Welten und gerät in Kontakt mit Ethan, der sich unbedingt mit ihm alleine treffen möchte.
In einem fulminanten Finale werden die unterschiedlichen Erzählstränge zu einem offenen Ende zusammengeführt. Wer den ersten Satz des Romans allerdings als Klammer für die ganze Erzählung lesen möchte, der kann das Ende nur als große Katastrophe verstehen.
Didaktische Hinweise
Die Beschäftigung mit „Der Stich der Biene” von Paul Murray ist vor allem aufgrund der modernen Erzählweise interessant. Ständig, und im Verlauf des Romans immer schneller, wechseln die Perspektiven auf das Erzählte: Mal wird das Geschehen aus der Sicht Imeldas, mal aus der Sicht ihres Mannes usw. erzählt. Dabei ändert sich der Sprachstil, was sich bis in die Zeichensetzung hinein abbildet. Es gibt Passagen, die den Stream of Consciousness einer Figur abbilden, was für ungeübte Leserinnen und Leser nicht immer leicht zu verstehen ist. Es gibt Rückblicke und Zeitsprünge, die dazu herausfordern, die Chronologie der Ereignisse zu rekonstruieren. Gegen Ende des Romans werden die Leserinnen und Leser selbst in die Perspektive der jeweils gerade handelnden Figur gezwungen: „Aber war das der richtige Weg? Wohin fahren wir? Hast du gefragt? Er sagte nichts” Mit Schülerinnen und Schülern ist also gerade die Analyse der narrativen Techniken interessant. Anhand von „Der Stich der Biene” kann hervorragend herausgearbeitet werden, was den modernen Roman ausmacht:
- Der Abschied vom „Helden”: Infragestellen des traditionellen Helden, „gebrochene” Helden, „Antihelden” (Durchschnitts- und Alltagsheld mit deutlichen menschlichen Schwächen, Aufgabe seiner Persönlichkeit, Zerrbild seiner selbst, Verlust seiner Identität, Individualität, kein Halt mehr in einem festen Beziehungssystem)
- Der Abschied von der Fabel im traditionellen Sinn, denn die Handlung muss von den Leserinnen und Lesern erst rekonstruiert werden, da das chronologisch-lineare Erzählen aufgegeben ist; sie besitzt nicht immer eine zu begreifende und nachvollziehbare Aussage, sondern irritiert, verstört und schockiert; kann Alltägliches und Alptraumhaft-Irreales darstellen, in dem die Leserinnen und Leser zwar widerstrebend Vertrautes findet, das jedoch keinen Vorbildcharakter und Orientierungshilfe aufweist; verlegt das eigentliche Geschehen oft aus der äußeren in die innere Wirklichkeit; stellt oft das feste Koordinatensystem aus Raum, Zeit und Person in Frage, vor allem auch durch die Erweiterung des Wirklichkeitsbegriffes.
- Der Abschied vom „olympischen” Erzähler, denn die Erzählinstanz des modernen Romans versteht oft die Welt genauso wenig wie sein Held oder die Leserin bzw. der Leser. Das Erzählte muss infrage gestellt werden, das multiperspektivische Erzählen spiegelt die verkomplizierte und verrätselte moderne Welt wider.
Es muss darauf hingewiesen werden, dass es Passagen gibt, in denen homosexuelle Akte und Gewalt explizit dargestellt werden.
Gattung
- Romane
Eignung
themenspezifisch geeignetAltersempfehlung
Jgst. 11 bis 13Fächer
- Deutsch
- Englisch
FÜZ
- Werteerziehung
- Soziales Lernen
- Sprachliche Bildung
Erscheinungsjahr
2025ISBN
9783956146350Umfang
698 SeitenMedien
- Buch
- E-Book