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Maurits de Bruijn: Wie ich merkte, dass die Shoah nachts an meinem Bett steht

Besprechung

Bei dem Roman mit dem Titel „Wie ich merkte, dass die Shoah nachts an meinem Bett seht“ handelt es sich um eine autofiktionale Erzählung des aus den Niederlanden stammenden queeren, jüdischen Schriftstellers Maurits de Bruijn. In ihm schreibt Maurits de Bruijn nicht nur über die Biografie seiner jüdischen Mutter, die im Säuglingsalter von ihren Eltern Nachbarn übergeben wurde, bevor sie ins Konzentrationslager Sobibor deportiert wurden, sondern auch von den persönlichen Auswirkungen des lebenslangen Traumas seiner Mutter auf Maurits und seine Brüder. Im Jahr 1996 unternimmt der 13 Jahren alte Maurits schließlich zusammen mit seinem Vater eine Reise nach Israel und erfährt dort zum ersten Mal, dass er, wie seine Mutter, jüdisch ist. Die Tatsache, dass ihm das bisher niemand erklärt hat, passt für Maurits dann auch ins Bild und er erkennt nicht nur, wie sehr die Geschichte seiner Mutter auch sein eigenes Leben betrifft, sondern auch dass er dem Erbe seiner Familie nie entkommen kann. Scheinbar harmlose Alltagsfragen wie z. B. „Woher kommt deine Familie?“, „Was machen deine Eltern?“, „Leben deine Großeltern noch?“ zeigen immer wieder schmerzhaft, dass sich diese nicht ohne das Leid der Vergangenheit beantworten lassen. Immer wieder wird Maurits von den traumatischen Erlebnissen seiner Mutter eingeholt. Die Erkenntnis, dass die Verletzungen und Verluste von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden, fasst Maurits am Ende seiner Betrachtungen dann wie folgt zusammen: „Kein einziges Trauma steht auf eigenen Beinen. Sie läuten immer anderen Schmerz ein“ (S. 188). Neben der intensiven Auseinandersetzung mit seiner jüdischen Vergangenheit, die sich in Maurits Leben auch immer wieder in unterschiedlichen Formen von Antisemitismus zeigt, beschäftigt sich Maurits de Bruijn, der, wie oben erwähnt, selbst der queeren Community angehört, auch mit anderen Formen von Ausgrenzung und Marginalisierung in der Gesellschaft, die er in seinen Betrachtungen insbesondere auch auf sprachlicher Ebene sichtbar macht, um den unterschiedlichen Aspekten der Intersektionalität, der Überschneidung von Klasse, Herkunft, Abstammung, Sexualität und Geschlecht, gerecht zu werden. 

Didaktische Hinweise

„Wie ich merkte, dass die Shoah nachts an meinem Bett seht“ eignet sich thematisch gut zum Einsatz im Geschichts- und Deutschunterricht, wenn es um die Auseinandersetzung mit der Shoa geht. Dass Kriegstraumata an die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden können, wurde in den letzten Jahren immer wieder thematisiert (vgl. z. B. Artikel beim Deutschlandfunk). Auch in der Literatur hat der Aspekt der Weitergabe von Traumata an die nachfolgenden Generationen in den letzten Jahren mehr Aufmerksamkeit erfahren. Maurits de Bruijns persönliche Erfahrungen zeigen daher umso deutlicher, dass auch für die nachgeborene Generationen die Vergangenheit immer noch präsent ist und die Geschichte noch lange nicht abgeschlossen ist – eine Tatsache, die gerade auch für Schülerinnen und Schülern der Oberstufe neue Facetten der Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte eröffnen kann. Gleichzeitig lenkt der Autor durch seine eigene Biografie den Blick auch auf eine plurale Gesellschaft, in der Ausgrenzung, Hass und Marginalisierung wieder verstärkt zunehmen.
Das Buch eignet sich außerdem zur Besprechung im Sinne der Bildung für Nachhaltige Entwicklung, besonders unter den Punkten Geschlechtergleichheit (5) und Menschenwürde (8).

Gattung

  • Kurzprosa, Erzählungen, Textsammlungen, Tagebücher

Sachbuchkategorie

  • Biografien, Autobiografien, Porträts
  • Politik, Gesellschaft
  • Geschichte, Archäologie

Eignung

Altersempfehlung

Jgst. 10 bis 13

Fächer

  • Deutsch
  • Geschichte
  • Sozialkunde/Politik und Gesellschaft

FÜZ

  • Alltagskompetenz und Lebensökonomie
  • Kulturelle Bildung
  • Interkulturelle Bildung
  • Werteerziehung
  • Soziales Lernen
  • Politische Bildung
  • Bildung für Nachhaltige Entwicklung (Umweltbildung, Globales Lernen)

Erscheinungsjahr

2023

ISBN

9783945644362

Umfang

198 Seiten

Medien

  • Buch