mobile Navigation Icon

Mathias Enard: Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten

Besprechung

Aus ein paar historisch verbürgten Anhaltspunkten wie vor allem der Erwähnung einer Einladung des Sultans Bajazet nach Istanbul bei Vasari und der Zeichnung für eine Brücke am Goldenen Horn von Leonardo da Vinci macht Enard eine skizzenhaft erzählte kleine Novelle. Michelangelo – es ist der Bildhauer vor der Sixtinischen Kapelle - erhält darin den Auftrag, eine Brücke zu bauen, da der Entwurf seines großen Konkurrenten Leonardo unbrauchbar erscheint. Stolz und ein wenig überheblich fährt er 1506 mit großem Gepäck in die Stadt am Bosporus und entwirft eine kühne Konstruktion. Der Bau wird begonnen, aber vom Erdbeben 1509 zerstört und nie wieder aufgenommen. Michelangelo kommt die Einladung nach Istanbul auch deshalb gerade recht, weil sein christlicher Auftraggeber, Papst Julius II., ihm viel Geld schuldig geblieben ist. Der Michelangelo Enards ist von Ehrgeiz, Misstrauen und tiefer Verunsicherung seine Identität betreffend geprägt. Bei seinem Aufenthalt in Istanbul begleitet ihn der Dichter Mesihi aus Pristina, der Frauen und Männer liebt. In einer Taverne trifft er einen als Juden aus Granada geflüchteten Tänzer, der zwischen Mann und Frau changiert, dem oder doch vielmehr der gegenüber der Bildhauer jedoch kalt wie Stein bleibt, als er neben ihm oder ihr liegt. Der Künstler, seine prekäre Identität und sein Werk stehen neben der Stadt Konstantinopel und der orientalischen Kultur im Zentrum der Erzählung. Michelangelo hat auch den Auftrag für einen Italiener einen Dolch zu schmieden, den er bewusst nicht in Kreuzform entwirft, um der dritten großen Religion seinen Tribut zu zollen. Er verlässt Konstantinopel nicht als erfolgreicher Künstler und ist doch auf dem Weg dazu ein Stück weiter gekommen. Nach dem viel gerühmten, wortgewaltigen und von komplexer Handlung geprägten Romane „Zone“ (Berlin Verlag 2010; TB Bloomsbury 2012) über die Gewaltgeschichte es 20. Jahrhunderts ist dies ein kurzer Text Enards voller Leerstellen, die den Leser zum Mitphantasieren anregen. Ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt des Lycéens 2010.

Didaktische Hinweise

Anknüpfungspunkt für einen Vergleich ist das Thema Werk und Künstler. Pro und Contra einer Einordnung in das Genre Novelle und die Aufarbeitung des historischen Hintergrunds, der fiktiven Elemente und der beabsichtigten Leerstellen in der Erzählung sind weitere Themen. Das Thema der Toleranz klingt mit den drei monotheistischen Religionen an, auch verknüpft mit dem angedeutet symbolischen „Brückenbauen“.

Alle hier rezensierten Werke von Mathias Enard

Gattung

  • Romane

Eignung

sehr gut als Klassenlektüre geeignet

Altersempfehlung

Jgst. 10 bis 13

Fächer

  • Deutsch
  • Französisch
  • Kunst (Fachzeichnen)

Erscheinungsjahr

2011

ISBN

9783827010056

Umfang

176 Seiten

Medien

  • Buch