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Steve Tasane: Junge ohne Namen

Besprechung

Mit dem Brand im Flüchtlingslager Moria im September 2020 ist die Situation der Flüchtlinge wieder stärker in unser Bewusstsein gedrungen und zumindest kurzzeitig auch die Bereitschaft, sich für die Menschen, insbesondere die im Lager lebenden Kinder, einzusetzen und ihnen eine Perspektive zu bieten. Von dem Wunsch danach, von der Sehnsucht nach einem normalen Leben erzählt Steve Tasane kleines Büchlein „Junge ohne Namen“. Es ist die Geschichte von I und seinen Freunden, unbegleiteten Kindern in einem Flüchtlingslager, Kinder, die keinen Namen, keine Familie, keine Papiere haben, und doch die Hoffnung nicht aufgeben, einen Platz im Leben zu finden. 

I glaubt, gerade zehn Jahre alt geworden zu sein, aber da es weder Familie noch einen Pass gibt, weiß er es nicht zuverlässig und kann es auch nicht beweisen. Er lebt mit den Kindern L, E und V in einer kleinen Hütte. Oft haben sie Hunger, zu spielen gibt es wenig, aber I ist erfinderisch und es gibt auch ein paar hilfsbereite Menschen, beispielsweise Charity, die den Kindern zu essen bringt, wenn sie etwas hat, oder Ade, der E sehr geduldig Lesen und Schreiben beibringt. Völlig unerwartet wird das Lager geräumt und die Kinder verlieren auch noch die letzten Dinge, die sie mit ihrem früheren Leben verbinden, im Falle von L und E ihr Fotoalbum, aber sie geben nicht auf, sondern ziehen weiter auf der Suche nach einer Zukunft.

Das Beeindruckende an diesem Buch ist der nüchterne Erzählstil und das Erzählen aus der kindlichen Sicht von I, der ohne Ausschmückung und ohne Sentimentalität oder moralischen Appel sein jetziges Leben darstellt. Dies spiegelt sich auch in der Aufmachung des Buches, dem nüchtern grauen, kartonartigen Buchcover, das an eine Art Heft erinnert, indem I alles dokumentiert, was im Lager passiert, um sich auf diese Weise seiner Existenz zu vergewissern, von der kein offizielles Dokument zeugt.

Dies erklärt auch, warum die Kinder namenlos bleiben und unterstreicht zugleich die Universalität des Erzählten: Hier geht es nicht um ein Einzelschicksal, sondern diese Geschichte kann so überall und immer wieder geschehen – deswegen erfährt man nichts Genaues über das Flüchtlingslager und über die Herkunft der Menschen im Lager.

Didaktische Hinweise

„Junge ohne Namen“ ist eine schmale Lektüre, die sich gut für das gemeinsame Lesen und auch für das Vorlesen ab Jahrgangsstufe 6 eignet, denn sie greift ein hochaktuelles Thema auf und sensibilisiert auf geschickte Weise für die Probleme von Flucht und Migration. Die Lektüre kann in ein fächerübergreifendes Projekt über Geflüchtete und speziell über unbegleitete Minderjährige eingebunden werden, an dem neben Deutsch auch Ethik/ Religion und Geografie mitwirken.

Das Buch bietet viel Gesprächsstoff, so erfährt man trotz des nüchternen, reduzierten Stils doch einiges über das Leben und die Hoffnungen von Geflüchteten, über das Leben im Lager und die Situation der Menschen, die aus Krisengebieten kommen und sich nach einem normalen Leben sehnen. Dabei bieten die Themen Freundschaft, das Füreinanderdasein auch in schwierigen Situationen und der Optimismus, mit dem der Protagonist sein Leben meistert und sogar Glücksmomente inmitten von Hunger, Dreck und Hoffnungslosigkeit schafft, Mut und die Chance, die eigene Situation zu reflektieren und anders zu bewerten. So können die Leser*innen Empathie für Geflüchtete entwickeln und beispielsweise in Jahrgangstufe 7 und 8 auch zu Recherchen über mögliche Herkunftsländer, über Gründe von Migration und über Integrationsprogramme angeleitet werden.

Des Weiteren bieten sich aufgrund der Konzentration auf den Blick von I auch produktionsorientierte Methoden wie der Wechsel der Erzählperspektive an, also ein Blick auf die Situation im Lager von einem der anderen Kinder oder der Erwachsenen Charity und Ade und das Verfassen einer Rezension zum Buch. 

Gattung

  • Romane

Eignung

als Klassenlektüre geeignet und zum Vorlesen

Altersempfehlung

Jgst. 6 bis 8

Fächer

  • Deutsch
  • Englisch
  • Geografie/Erdkunde
  • Ethik/Religionslehre (Evang. Religionslehre

FÜZ

  • Interkulturelle Bildung
  • Kulturelle Bildung
  • Politische Bildung
  • Soziales Lernen
  • Werteerziehung

Erscheinungsjahr

2019

ISBN

9783737356435

Umfang

138 Seiten

Medien

  • Buch