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Annet Schaap: Emilia und der Junge aus dem Meer

Besprechung

Eine märchenhafte Geschichte über ein Mädchen und einen kleinen Meerjungmann

Annet Schaaps Roman spielt in einer Welt, die dem 19. Jahrhundert ähnelt. Es gibt Segelschiffe und Leuchttürme, kleine Städte und einfache Kramläden. Autos und Elektrizität gibt es offensichtlich nicht. In dieser Welt lebt Emilia, die Tochter des einbeinigen Leuchtturmwächters, der jeden Abend das Licht im Turm mit Streichhölzern anzünden muss. Emilias Mutter ist verstorben, seither geht Emilia, die Lämpchen genannt wird, nicht mehr zur Schule, sondern hilft ihrem Vater, der die vielen Stufen des Leuchtturms aufgrund seiner Behinderung kaum noch hochsteigen kann. Deshalb ist es Emilias Aufgabe, das Licht anzuzünden, aber Emilia kann sich nur schwer konzentrieren und sie vergisst immer wieder wichtige Dinge. So denkt sie eines Tages nicht daran, Streichhölzer einzukaufen, und als sie sich daran erinnert, ist es bereits dunkel geworden und ein Sturm ist aufgezogen. Zwar schafft es Emilia, bei Herrn Rosenholz Streichhölzer zu kaufen, aber auf dem Rückweg zum Haus des Leuchtturmwärters, das auf einer kleinen Halbinsel liegt, verliert sie die Streichhölzer und ertrinkt beinahe. Der Leuchtturm bleibt dunkel und in dieser Nacht fährt deshalb ein Schiff auf den Felsen auf, der in der Hafeneinfahrt liegt.

Zwar kommt niemand ums Leben, aber der Schaden ist immens, weshalb Emilias Vater in seinem Leuchtturm eingesperrt wird, wo er die Kosten der Havarie abarbeiten muss, während Emilia von ihrer ehemaligen unbarmherzigen Lehrerin in das Schwarze Haus des Admirals gebracht wird. Dort, so behaupten die Leute, lebt ein Monster. Obwohl die Menschen in diesem Haus, die Haushälterin Martha, ihr geistig behinderter Sohn Lennie und der schweigsame Nick, anfangs ablehnend und mürrisch auf Emilia reagieren, gelingt es dem Mädchen, sich im Haus nützlich zu machen und die Sympathie der Bewohner zu gewinnen. Dabei stellt Emilia fest, dass zwar kein Monster im Haus lebt, jedoch ein merkwürdiger Junge, der Edward heißt und der Sohn des Admirals ist. Edward hat statt zweier Beine einen Fischschwanz und soll auf Geheiß des Admirals gehen und sich wie ein Mensch zu benehmen lernen. Im weiteren Verlauf der Geschichte stellt sich heraus, dass der Admiral eine Beziehung zu einer Meerjungfrau gehabt hat, die auch eine Weile im Haus gelebt hat, aber eines Tages verschwunden ist und ihren Sohn zurückgelassen hat. Dass dies nicht freiwillig geschah, erfahren Emilia und Edward, die sich anfreunden, erst später.

Der Junge, der es seinem Vater nie recht machen konnte, gewinnt Selbstvertrauen und Stärke, als er mit Lämpchens Hilfe endlich begreift, wer er ist, ein Meerjungmann, dessen Welt das Wasser ist, nicht das Leben an Land. Lämpchen dagegen, die sich für dumm und unfähig hält, lernt mit Edwards Hilfe lesen und begreift, dass auch sie nicht hilflos ihr Schicksal akzeptieren muss. So kehrt Edward ins Meer zurück und wird seine Mutter suchen, während Emilia ihren Vater befreit und mit einigen an Land gestrandeter Piraten ein neues Leben auf einem Schiff beginnt.

Didaktische Hinweise

Das Debüt der Autorin Annet Schaap wurde in den Niederlanden bereits mit Preisen ausgezeichnet und von Eva Schweikart in eine wunderbare märchenhafte Sprache übertragen. Für junge Leserinnen und Leser ist nicht nur die phantasievolle Geschichte interessant, die an „Die kleine Meerjungfrau“ von Hans Christian Andersen erinnert, sondern vor allem die Entwicklung der beiden Hauptfiguren, deren anfängliche Hilflosigkeit von sich steigerndem Selbstvertrauen und Eigeninitiative abgelöst wird. Edward begreift, dass es nicht seine Schuld ist, wenn er nicht lernt, auf zwei Beinen zu stehen und zu gehen, wie es sein unduldsamer und mitleidloser Vater verlangt. Als der junge Meermann endlich in sein eigentliches Element, das Wasser, eintaucht, erkennt er seine wahren Stärken und ist zum ersten Mal in seinem Leben glücklich. Lämpchen wiederum begreift, dass sie nicht so dumm ist, wie es ihr die Lehrerin und ihr todunglücklicher Vater glauben machen wollen. Denn auch ihr Vater lebt als Leuchtturmwärter nicht in seinem Element, ist er doch eigentlich Steuermann eines Piratenschiffes. Mit der Rückkehr in und auf das Meer finden alle Figuren ihr eigentliche Bestimmung wieder. Auch die Leserinnen und Leser können anhand dieser Geschichte lernen, dass sie ihre Stärken und Fähigkeiten erst entdecken müssen, um glücklich zu sein. Figurenzeichnung und Charakterentwicklung können mit Kindern ab 10 Jahren gewinnbringend besprochen werden und die Geschichte eignet sich sehr dafür, Begeisterung für das Lesen zu wecken. Man kann mittels des Hörbuches, das im Audio Verlag erschienen ist, auch das Hörverständnis einüben.

Gattung

  • Romane

Eignung

als Klassenlektüre geeignet und zum Vorlesen

Jahrgangsstufen

5 bis 6

Fächer

  • Deutsch

FÜZ

  • Kulturelle Bildung
  • Soziales Lernen
  • Werteerziehung

Erscheinungsjahr

2019

ISBN

9783522184922

Umfang

400 Seiten

Medien

  • Buch
  • Hörbuch