mobile Navigation Icon

#lesen.bayern » Rezensionen und Buchtipps » Besprechungen Belletristik » Heimat- und Dialektliteratur

Tommi Goerz: Im Schnee

Besprechung

Ja, es ist eine berührende Geschichte, die vom Max, die hier erzählt wird. Der Erlanger Autor Tommie Goerz verschafft uns Einblicke in das Leben eines alleinstehenden alten Mannes, der in einem fiktiven Dorf des inneren Fichtelgebirges wohnt, das zwischen Wunsiedel und Arzberg zu verorten ist, denn es liegt an einer – ebenso fiktiven – Bahnstrecke zwischen diesen beiden Orten. Dazu passt allerdings nicht, dass die Konfession der alteingesessenen Austhaler die römisch-katholische ist. Die Bevölkerung Nordostoberfrankens ist schließlich traditionell mehrheitlich evangelisch-lutherisch, seit die Kulmbach-Bayreuther Markgrafen die Reformation in ihren Landen eingeführt hatten. 
Wie auch immer. Max erfährt jedenfalls vom Tod seines ebenso alten Nachbarn Schorsch. Er nimmt an der Totenwache teil, während der erst die Männer, dann die Frauen – immer dabei: Max – Schorschs Leben Revue passieren lassen. In den Anekdoten und Anmerkungen offenbaren sich dem Lesenden die Welt des Dorfes, das Beziehungsgeflecht zwischen den Bewohnern, die Probleme, die der Strukturwandel mit sich gebracht hat, und auch der Umgang der Menschen mit Schuld. Läden haben geschlossen, die Landwirtschaft lohnt sich nicht mehr; die Ansiedlung von Flüchtlingen hat man vor vielen Jahren mit einer kollektiven, spektakulären Aktion verhindert. Der Kreis der Totenwächter mit ihren Gedanken, Sorgen und Nöten wird hierbei differenziert und empathisch geschildert. Lediglich die Geschichte vom rothaarigen Kind, das als „Kind des Teufels“ (S. 107) gilt und deshalb eingesperrt wird, wirkt zu dick aufgetragen. 
Max muss also mit dem Tod seines Freundes Schorsch zurechtkommen. Mit diesem verband ihn ein enges Verhältnis, das sich dem Leser im Laufe des Romans peu à peu, wenn auch nicht gänzlich, erschließt. Denn: Der Roman schwätzt nicht, so wenig wie die Einwohner von Austhal. Deren Kommunikation besteht oft nur aus Andeutungen; vieles wird gänzlich verschwiegen. Dieses Schweigen ist eines der großen Themen des Buches, und hier zeigt sich auch die Authentizität der Darstellung. In Nordostbayern spricht man tatsächlich oft nicht langatmig miteinander, deutet an und schweigt. In Austhal jedenfalls verschweigt man bisweilen auch manches, was doch besser besprochen werden sollte. 
Der Erzählstil trifft dabei den Ton der Bevölkerung Hochfrankens gut – leider aber nicht durchgehend. Und das ist der bedeutendste Kritikpunkt an dem vorliegenden Werk: Immer wieder trifft der Leser auf Stilbrüche, die insbesondere Rezipienten arg zusetzen, denen der Tonfall der Region vertraut ist. 
So finden sich zwar erfreulicherweise bestens passende Regionalismen wie das durchaus idiomatische „Schon“ und sogar die typisch bairisch-ostfränkische Konjugation der Subjunktion in der 2. Person in dem bemerkenswerten Dialog „Ist alles in Ordnung?“ – „Schon, ja. Wieso?“ – „Weilst immer noch dastehst“ (S. 134f.). Dem gegenüber stehen aber Wörter und Konstruktionen, die für die Gegend als unidiomatisch gelten müssen wie „Schweig“ (S. 144) statt „Sei/ Bin ruhig“ und in der oberdeutschen Umgangssprache unmögliche Genitive wie in der ansonsten auch charmanten Unterhaltung „Und?“ – „Geht uns nichts an.“ – „Wie…?“ – „Ist Sache der Kirche. Und der Jungen.“ (S. 145) und in dem Rückblick „Den Kare hatte er damals ins Grab gebracht, Schorschs kleinen Bruder.“. Hier kontrastiert der Genitiv mit einer treffenden Verwendung des bestimmten Artikels vor dem Eigennamen. An anderer Stelle wird Zugehörigkeit viel passender ausgedrückt, nämlich mit der Präposition „von“ und Dativ: „An die Äpfel vom Max hatte keiner gedacht.“ (S. 172) – übrigens der traurigste Satz des gesamten Romans, den der Erzähler hier äußert. Warum? Bitte selber lesen!
Denn: Die genannten stilistischen Defizite schmälern zwar etwas den Lesegenuss, stellen aber nicht infrage, dass die Lektüre dieses mit 173 Seiten recht kurzen Romans empfehlenswert ist. 
 

Didaktische Hinweise

Das Lesen des Buches bietet sich im schulischen Kontext für höhere Klassen an, vor allem für die Oberstufe – in der ja auch die kritische Analyse von Erzähltechnik und sprachlicher Gestaltung eine gewinnbringende Beschäftigung sein kann. Eine Auseinandersetzung mit den Fragen „Wie funktioniert eine Gesellschaft?“ „Wie offen soll sie sein?“ „Wie geht man miteinander um?“ „Was macht den Wert des Lebens aus?“ und weiteren Themen des Romans ist jedenfalls immer lohnend. 
 

Gattung

  • Heimat- und Dialektliteratur
  • Romane

Eignung

als Klassenlektüre geeignet

Altersempfehlung

Jgst. 10 bis 13

Fächer

  • Deutsch
  • Ethik/Religionslehre (ev)

FÜZ

  • Familien- und Sexualerziehung
  • Kulturelle Bildung
  • Soziales Lernen
  • Werteerziehung

Erscheinungsjahr

2025

ISBN

9783492073486

Umfang

176 Seiten

Medien

  • Buch