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Antonia Baum: Vollkommen leblos, bestenfalls tot

Besprechung

„Meine Eltern heißen Carmen und Götz, und diese zwei Menschen hätten sich nie begegnen dürfen.“ Es spricht die Ich-Erzählerin, nach Carmens Flucht in die Toskana und Astrids Einzug Tochter einer Patchwork-Familie. Irgendwann im Lauf der Geschichte ist Astrid schwanger. Aber da ist die Erzählerin schon aus ihrem Provinzgefängnis in die Stadt und bald in die Arme des markenverliebten Patrick geflüchtet. In wahren Wortkaskaden und langen Satzreihen schreit sie förmlich ihr Elend hinaus in einen leeren Raum, aus dem keine Antwort, kein Trost kommt. Nach Studium, Ehe und ersten Berufserfahrungen im Journalismus, trennt sie sich von Patrick und sucht ihre erste Liebe, Johannes, genannt Jo, zieht zu ihm, wird von ihm schwanger, als Jo schon seine nächste Flamme an Land zieht. Ihre Mutter rät eiskalt zum Schwangerschaftsabbruch, die Erzählerin, der ein Ausbruch aus ihrem „Gefängnis“ unmöglich erscheint, zieht es jedoch vor, auf ein Hochhaus zu steigen, in der Absicht sich hinunterzustürzen. Dort endet die unversöhnliche Erzählung. Der nicht durchweg chronologisch erzählte Plot erscheint trivial, aber auch die Suada von Anklagen und Schilderungen der Verhaltensweisen anderer Menschen sind zwar treffend, aber auch nicht besonders überraschend. Dass Menschen auf Partys Blödsinn reden und zu viel trinken, auch wenn der Relaunch eines Medienerzeugnisses gefeiert wird, dass Menschen in Büros sich gegenseitig Konkurrenz machen und zu viel arbeiten, abends dann über Kalorienvermeidungsstrategien („nach 18 Uhr keine Kohlehydrate“) oder Designermöbel nachdenken, Lehrer und Hochschulprofessoren mit der Zukunftskeule kommen und Menschen einander Wölfe sind, kann man auch woanders lesen. Dass die Sprache metaphernreich, manchmal umgangssprachlich ist und zwischendurch Wahnvorstellungen und blutige Phantasien drastisch geschildert werden, ändert nichts am etwas pubertär wirkenden Weltschmerzgerede. „Wir könnten aufhören, immer nur über unsere befindlichkeiten zu sprechen“, schreibt ein Gegenüber auf Skype – irgendwie hat er recht, denkt der erschöpfte Leser. Vielleicht ist es die Tatsache, dass es die Befindlichkeit der Endzwanziger-Generation schon in distanzierterer, dafür umso eindrücklicherer Form bei Leif Randt (wie Baum Kandidat für den Bachmann-Preis 2011) und als Sachbücher bei Nina Pauer (Wir haben keine Angst: Gruppentherapie einer Generation, 2011) gibt, dass man die Ausweglosigkeit und den Lebensüberdruss, den die Autorin ausdrücken will, nicht ganz versteht.

Didaktische Hinweise

Die Autorin ist nur etwa zehn Jahre älter als die Oberstufenschüler, also dürfte es Anlass zur Identifikation geben. Ein Vergleich mit Goethes Werther, der auch nicht nur an Liebeskummer, sondern an allgemeinem Weltschmerz und unter der gesellschaftlichen Situation leidet, bietet sich an. Auch „Schimmernder Dunst über Coby county“ von Leif Randt, geboren 1983, ist naheliegend, gerade weil der Autor hier das viel grausigere Gegenbild einer sterilen Wellness-Welt zeichnet. Bei der Lesung der jungen Autorin anlässlich des Ingeborg-Bachmann-Preises wurde der Vergleich zum Stil Thomas Bernhards hergestellt, das wäre Anlass, den österreichischen Autor wieder einmal auch in der Schule zu lesen

 

 

Gattung

  • Romane

Eignung

in Auszügen geeignet

Altersempfehlung

Jgst. 11 bis 13

Fächer

  • Deutsch

FÜZ

  • Alltagskompetenz und Lebensökonomie
  • Sprachliche Bildung

Erscheinungsjahr

2011

ISBN

9783455402964

Umfang

239 Seiten

Medien

  • Buch