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Johanna Reiss: Und im Fenster der Himmel

Besprechung

Wir begegnen der sechsjährigen Annie de Leeuw zum ersten Mal im Jahr 1938. Sie wohnt mit ihrer Familie – zwei Schwestern, ihren Eltern und einem Hausmädchen – im niederländischen Winterswijk und buhlt um die Aufmerksamkeit ihres Vaters, der aber lieber Radio hört und die neusten Informationen über Adolf Hitler verfolgt. Annis versteht nicht, warum ihr sonst so liebevoller Vater kaum noch Zeit für sie hat. Doch im Laufe der Zeit wird ihr klar, dass dieser Herr Hitler aus Deutschland keine Juden mag und das auch Auswirkungen auf ihr Leben in Holland hat. Mit dem Einmarsch von Hitlers Armee in Holland im Frühjahr 1940 verändert sich das Leben von Annie und ihrer Familie: Die Repressalien gegenüber Juden nehmen stetig zu und Annies Eltern streiten sich, ob sie in die USA gehen sollen. Doch da die Mutter krank ist, bleiben sie in Winterswijk und hoffen, durch den Umzug in ein Haus am Rande der Stadt, von den Deutschen in Ruhe gelassen zu werden. Doch die Probleme für die jüdische Bevölkerung von Winterswijk werden größer und Annies Vater überlegt, wie der seine Familie schützen kann und sucht nach Möglichkeiten für Verstecke. Und so werden Annie und ihre ältere Schwester in einer nicht ungefährlichen Aktion zu Familie Hannink nach Usselo gebracht. Rachel, die älteste Schwester, will Winterswijk nicht verlassen, um ihre inzwischen todkranke Mutter im Krankenhaus zu besuchen. Der Vater flieht nach Rotterdam: Die Familie ist getrennt. Annie und Sini bleiben bei Familie Hannink, doch nach einigen Wochen gerät Herr Hannink unter Verdacht, Juden zu helfen und daher sollen die Schwestern für einige Wochen zu Familie Oosterveld, die einen Bauernhof in der Nähe betreibt. Doch aus diesen Wochen werden Monate und Jahre: Bis zur Befreiung im Frühjahr 1945 bleiben die beiden Schwestern bei den Oostervelds in einem kleinen Zimmer mit einem Ofen und zwei Stühlen und einem großen Bett. Sie dürfen nicht nach draußen, damit keiner mitbekommt, dass Familie Oosterveld Juden versteckt. Nur ein Fenster ist Annies Verbindung nach draußen. 

Didaktische Hinweise

Die Autorin erzählt ihre eigene Geschichte – dies macht sie gleich am Anfang in ihrem Vorwort klar. Es geht ihr dabei nicht darum, die geschichtlichen Hintergründe dieser Zeit in den Vordergrund zu stellen, sondern ein „schlichtes, menschliches Buch“ darüber zu schreiben, wie es ist, wenn man sich verstecken muss, weil man unerwünscht ist. Damit sich die Leser dennoch ein Bild von der deutschen Geschichte machen können, ist ein kurzer Abriss dieser Zeit in der Einleitung vorangestellt. In den folgenden zwölf Kapiteln samt einem Epilog, der knapp die Geschichte nach der Befreiung Annies beschreibt, erhalten die Leser einen unverstellten Blick darauf, wie das Leben einer Familie zunächst durch den drohenden Krieg und später durch das Leben in einem Versteck zerstört wird. Annie kann nicht unter normalen Umständen aufwachsen, ihr fehlt die frische Luft, sie nimmt ab und kann auch nach einer gewissen Zeit nicht mehr richtig laufen. All dies erzählt Johanna Reiss ohne Pathos, sie findet eine kind- und jugendgerechte Sprache, die die Leser mit auf Annies Ebene nimmt und dabei vor allem in der Beschreibung der kleinen Gesten des monotonen Lebens im Versteck eine Brücke zum Leser baut. Obwohl es sich bei der Hauptfigur um ein Mädchen handelt, werden durch die vielen Wendungen in der Handlung auch Jungen angesprochen: Der Bericht dieser Zeitzeugin geht auch gerade wegen der unprätentiösen Erzählweise unter die Haut.

  • Bei der Besprechung im Unterricht kann die Lehrkraft ausgehend vom Cover der dtv-Ausgabe die Ausgangslage der Geschichte mit den Schülerinnen und Schülern im Unterrichtsgespräch erarbeiten.
  • Parallel zum Lesen können die Schülerinnen und Schüler darüber hinaus ein Lesetagebuch mit kapitelübergreifenden Leseaufträgen führen und Auffälliges oder auch Fragen zu Figuren oder zur Handlung notieren.
  • Im Unterrichtsgespräch können immer einmal wieder wichtige Stellen des Buches durch lautes Vorlesen hervorhoben werden, was auch eine Lenkungsmöglicheit für die Lehrkraft darstellt. Am Ende wäre es denkbar, die Geschichte weiterzuerzählen bzw. weiterzuschreiben.
  • Diskussionen nach der Lektüre können auch aktuelle gesellschaftliche Themen wie die heutige Situation von Andersdenkenden, Flüchtlingen oder auch Menschen anderen Glaubens aufgreifen. Ein Verweis zu Büchern mit ähnlicher Thematik böte sich ebenfalls an (u.a. Das Tagebuch der Anne Frank; Als Hitler das rosa Kaninchen stahl).
  • Vorstellbar wäre eine bedachtsame Verbindung mit der Geschichte des Nationalsozialismus, der Altersstufe der Schülerinnen und Schüler entsprechend.

Auszeichnungen u.a. mit dem Buxtehuder Bullen folgten. Es gibt zwei weitere Bände ihrer Erinnerungen. Auf der Webseite der Autorin finden sich ebenfalls Informationen. Daneben hat der Verlag ein umfangreiches und sehr hilfreiches Unterrichtsmodell entwickelt.

Gattung

  • Romane

Eignung

sehr gut als Klassenlektüre geeignet und zum Vorlesen

Altersempfehlung

Jgst. 6 bis 8

Fächer

  • Deutsch
  • Geschichte

FÜZ

  • Familien- und Sexualerziehung
  • Interkulturelle Bildung
  • Politische Bildung
  • Soziales Lernen
  • Werteerziehung

Erscheinungsjahr

5. Auflage 2019

ISBN

9783423782852

Umfang

223 Seiten

Medien

  • Buch