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Klaus Kordon: Die Zeit ist kaputt. Die Lebensgeschichte des Erich Kästner

Besprechung

Eine beeindruckende Biographie über Erich Kästner

Zum 120. Geburtstag Erich Kästners hat der Beltz Verlag Kordons Biographie wiederaufgelegt. Kordon schildert darin in 17 Kapiteln Kästners Werdegang und beschreibt seine literarischen und journalistischen Werke. Dabei geht der Autor intensiv auf den jeweiligen zeithistorischen Hintergrund ein, sodass ein geschichtliches Panorama vom Kaiserreich bis in die 70er Jahre der Bundesrepublik entsteht. Für junge Leserinnen und Leser kann dieses Werk deshalb auch als höchst interessantes Geschichtsbuch fungieren. Im Anhang findet sich außerdem eine Zeittafel, welche die wichtigsten biographischen Stationen, Kästners Werke und die ihm verliehenen Preise und Ehrungen auflistet.

Kordon schildert zunächst Kästners Kindheit und Jugend und die in dieser Zeit entstandene äußerst enge Beziehung zur Mutter, in der Kordon, wie andere Biographen auch, Kästners schwieriges Verhältnis zu Frauen begründet sieht sowie die Entwicklung Erichs zum „Mustersohn“, der später die Hauptfigur vieler seiner Bücher für Kinder wie für Erwachsene werden wird, sei es der Emil aus dem Kinderbuch „Emil und die Detektive“, Martin Thaler aus dem „fliegenden Klassenzimmer“ oder Fabian; selbst Dr. Hagedorn aus dem Roman „Drei Männer im Schnee“ ist ein Mustersohn.

Kästners sozialkritische Einstellung, die sich sowohl in Kästners journalistischen als auch in seinen literarischen Werken widerspiegelt, erläutert Kordon sehr ausführlich und beleuchtet ihre Entstehung, die in der Armut seiner Kindheit begründet ist, in der ihm seine hart arbeitende Mutter allen Widrigkeiten zum Trotz eine höhere Bildung und sogar ein Studium ermöglicht. Dabei verschweigt Kordon weder die schwierige Ehe der Eltern noch die Selbstmordversuche der Mutter, die dem jungen Kästner Todesangst einjagen.

Kästners erfolgreiche Jahre in Berlin und seine Freundschaften mit berühmten Schriftstellern der Weimarer Republik werden sehr anschaulich geschildert, auch Kästners Art zu schreiben wird erwähnt; der Schriftsteller arbeitete vornehmlich nachts im Romanischen Café, beschäftigte eine eigene Sekretärin, die er am Gewinn beteiligte, und pflegte tagsüber zu schlafen.

Die Frage, warum Kästner trotz der Bedrohung, welche die Nationalsozialisten für ihn darstellten, nicht emigrierte, kann auch Kordon nicht endgültig beantworten, aber die Vermutung, dass er seine alten Eltern, vor allem die Mutter, nicht allein in Deutschland zurücklassen wollte, leuchtet in jedem Fall ein. Kästners Behauptung dagegen, er habe Hitlers Diktatur aus erster Hand beobachten wollen, ist zwar glaubhaft, aber Kordon zeigt sehr überzeugend auf, dass eine beobachtende Haltung in einer Diktatur nicht nur lebensgefährlich ist, sondern auch die seelische Befindlichkeit schwer beeinträchtigt. Das ist auch Kästner am Ende der Diktatur klargeworden, die er nur mithilfe des Ufa-Herstellungsleiters Eberhardt Schmidt überlebt, der ihn in seine Produktionsmannschaft aufnimmt, die aus dem brennenden Berlin herauskommt, weil Schmidt behauptet, er wolle in den Alpen einen Spielfilm drehen. Die Absurditäten einer Diktatur, die noch am Schluss Komödien produzieren lässt, um die Bevölkerung trotz der Bombardements bei Laune zu halten, schildert Kordon sehr eindrucksvoll.

Auch Kästners Rolle in der jungen Bundesrepublik wird erläutert, in der Kästner wieder als Journalist tätig ist und versucht, die Demokratie zu unterstützen und die Wiederbewaffnung zu verhindern. Dass Erich Kästner am Ende seines Lebens an den Zeitläufen doch verzweifelt und im Grunde resigniert, beschreibt Kordon sehr anrührend und erwähnt auch die Tatsache, dass Kästner nicht mehr in der Lage ist, den großen Roman über das Leben in der Diktatur zu schreiben. Besonders wichtig ist, dass Kordon die Rezeption von Kästners Werken in der Bundesrepublik kritisch hinterfragt. Denn der gesellschaftskritische Autor wird zugunsten des „harmlosen“ Kinderbuchautors verdrängt. Vielleicht hilft Kordons Biographie dabei, den kritischen Kästner wiederzuentdecken.

Didaktische Hinweise

Kordons Biographie über Kästner wird man als Klassenlektüre wohl nur selten einsetzen, obwohl sie im Geschichtsunterricht einer neunten oder zehnten Klasse durchaus sinnvoll ist. Denn sie ist, wie bereits erwähnt, nicht nur Biographie, sondern auch Geschichtsbuch und deckt einen großen Teil des zwanzigsten Jahrhunderts ab. Dabei ist Kordon äußerst präzise und erklärt die historischen Ereignisse und die Entstehung der nationalsozialistischen Diktatur sehr genau und warnt gleichzeitig vor Entwicklungen, die zu einer Wiederkehr rassistischer und demokratiefeindlicher Gruppierungen führen könnten. Insofern trägt Kordons Buch ganz ausgezeichnet zur politischen Bildung bei. Als Teil der Schulbibliothek und damit als Grundlage für Referate ist Kordons Biographie unbedingt zu empfehlen.

Gattung

  • Sachbücher

Sachbuchkategorie

  • Biografien, Autobiografien, Porträts
  • Literatur, Lesen, Sprache
  • Politik, Gesellschaft

Eignung

themenspezifisch geeignet

Jahrgangsstufen

9 bis 13

Fächer

  • Deutsch
  • Geschichte
  • Sozialkunde/Politik und Gesellschaft

FÜZ

  • Kulturelle Bildung
  • Politische Bildung
  • Soziales Lernen
  • Werteerziehung

Erscheinungsjahr

2020

ISBN

9783407757968

Umfang

315 Seiten

Medien

  • Buch