mobile Navigation Icon

Ingo Schulze: Die rechtschaffenen Mörder

Besprechung

Der Dresdner Antiquar Norbert Paulini glaubt, sein Leben der Literatur verschreiben zu können, kann sich aber den politischen Entwicklungen der Nachwendezeit nicht entziehen. Im ersten Teil spricht ein Erzähler in der dritten Person von Paulini, der ein Antiquariat in Dresden führt, vor allem, um selbst Ruhe zum Lesen zu haben. Bücher haben ihn begleitet, seit er auf der Welt ist. Bei ihm trifft sich samstags eine Gruppe Dissidenten, bis die Wende dem ein Ende bereitet. Alte Bücher sind nichts mehr wert, das Antiquariat muss schließen und Paulinis Ehe zerbricht. Seine Frau, so stellt sich heraus, hat der Stasi über die konspirativen Treffen regelmäßig berichtet. Nachdem Paulini sich mit diversen Jobs am Leben erhalten hat, bekommt er eine neue Chance und macht wieder einen Buchladen auf. Als er bei der Überschwemmung 2002 fast alles verliert, zieht er mit seinem Sohn in eine kleine Stadt in der Sächsischen Schweiz, wo er wieder ein Antiquariat aufmacht, diesmal unter dem Namen seiner Mutter. Als die Polizei ihn verhört, will er nicht zugeben, mit seinem Sohn an einer rechtsradikalen Demonstration teilgenommen zu haben, seine rechtslastigen Reden, zum Beispiel gegen die Aufnahme von Ausländern entlarven ihn jedoch. Im zweiten Teil offenbart ein Ich-Erzähler namens Schultze, mit „T“, offenbar ein „Schüler“ Paulinis, der Autor der „Novelle“ zu sein, die den ersten Teil des Buches bildet, aber nun erst im entstehen ist. Lisa, ehemals Paulinis, jetzt seine Geliebte, verdächtigt er, sich weiter mit Paulini zu treffen. Er selbst besucht Paulini, um Hinweise für die Biografie zu bekommen. Im dritten Teil spricht Schultzes Lektorin. Sie geht Spuren nach, die darauf hinweisen, dass er Paulini und Lisa von einem Felsen im Elbsandsteingebirge gestürzt haben könnte. Die Frage stellt sich, ob jemand sich lesend aus der Wirklichkeit entfernen und Verantwortung von sich weisen kann. Die Brechungen durch die verschlungenen Erzählebenen lenken nicht davon ab, dass es auch um Pegida und Rechtsextremismus und die fortbestehenden Ost-West-Differenzen geht.

Didaktische Hinweise

Gibt es noch immer eine Kluft zwischen Ost und West? Im Roman wird an einigen Stellen die ehemalige DDR als eine verwunschene, allerdings scharf überwachte Idylle dargestellt. Woher kommen die Ausschreitungen von Rechts und die Ausländerfeindlichkeit der Gegenwart und gerade in den ehemaligen Ostgebieten? Ob der Roman bei der Beantwortung dieser Frage hilft, könnte untersucht werden. Den Hinweisen auf die Dresdner Ortsteile Loschütz und Weißer Hirsch, wo Uwe Tellkamp seinen „Turm“ ansiedelt, kann man nachgehen, auch im Hinblick auf die aktuell heftige Diskussion um das dem rechten Antaios-Verlag verbundene „BuchHaus Loschwitz“ und die „Exil“-Reihe, in der u.a. Uwe Tellkamp und Monika Maron publizierten. Ein Vergleich lohnt sich mit Lutz Seilers „Stern 111“, der die linke Hausbesetzerszene Ostberlins der Wendezeit, den Protagonisten Carl, der eine „Höhle für poetisches Dasein“ sowie dessen Eltern, die im Westen ein besseres Leben suchen, mit viel Sympathie schildert. Es lassen sich daran mögliche Kriterien für eine Bewertung der Qualität von Literatur entwickeln.

Gattung

  • Romane

Eignung

als Klassenlektüre geeignet

Altersempfehlung

Jgst. 9 bis 13

Fächer

  • Deutsch
  • Geschichte

FÜZ

  • Kulturelle Bildung
  • Werteerziehung

Erscheinungsjahr

2020

ISBN

9783103900019

Umfang

0 Seiten

Medien

  • Buch
  • E-Book
  • Hörbuch