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Helena Janeczek: Das Mädchen mit der Leica

Besprechung

Die Fotografin Gerda Taro aus der Sicht von drei Freunden

Auf vier verschiedenen Wegen nähert sich Helena Janeczek der jungen Fotografin Gerta Pohorylle, genannt Gerda Taro, an, die im Rahmen ihre Kampfes gegen den Faschismus Ende Juli 1937 im Spanischen Bürgerkrieg bei den Kämpfen um Madrid von einem Panzer tödlich verletzt und an ihrem 27. Geburtstag auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris beigesetzt wurde. In einem kurzen Prolog spricht eine Erzählerin ein unbestimmtes „Du“ an und rekonstruiert die Entstehung von vier 1937 in Spanien entstandenen Fotos aus dem Nachlass Gerdas und ihres Kollegen und Geliebten André Friedmann, dem sie das Pseudonym Robert Capa gab. An dieses Du ist auch der Epilog adressiert, in dem fünf Bilder anderer Fotografen, von denen vier das Paar Gerda und Robert zeigen, beschrieben werden. Der Roman selbst wird von den Vertrauten Willy Chardack, „Dackel“ genannt, Ruth Cerf, und Georg Kuritzkes aus der Erinnerung erzählt. Ruths Part wird dem Jahr 1938 und der Stadt Paris zugeordnet, Willy erinnert sich 1960 in Buffalo, Georg ebenfalls 1960 in Rom. Die drei Erzähler, wie Gerda dem antifaschistischen Widerstand angehörig, sind verschieden eng mit Gerda, die aus Stuttgart stammt und dort verlobt ist, verbunden und treffen sie vor allem in Leipzig und im Exil in Paris. Alle drei haben ihre Schwierigkeiten mit Gerdas lockerer Auffassung von Treue. Die vielleicht eigentlich große Liebe trifft die junge Frau in Capa, dessen Geschichte im Hintergrund aller Erzählungen mitläuft. Am Ende erfährt man mehr über die vier Freunde als über Gerda selbst, deren Weg zur Fotografie und über den Widerstand zur Kriegsberichterstattung den roten Faden bildet. Der Epilog lässt sich als eine Art Metatext über die Vorgehensweise der Autorin lesen: Anhand der spärlichen Quellen, Zeugnisse und historischen Tatsachen versucht sie, sich ein Bild zu machen, wie es sich zugetragen haben mag: Im Zentrum steht dabei die Frage, wie die tausenden von Negativen von Capa und Taro nach Mexiko gelangt sein könnten, wo sie 2007 aufgefunden wurden.

Didaktische Hinweise

Die indirekte Darstellung der Protagonistin aus der Perspektive von Freunden, Liebhabern und Zeitzeugen lässt das Bild einer selbstbewussten und unabhängigen jungen Frau entstehen, die schon in der kurzen Zeit der Bekanntschaft mit Robert Capa in dessen Schatten zu verschwinden begann. Dazu gehört die Geschichte Capas, eines der weltweit berühmtesten, aber auch umstrittensten Fotografen. Die Rolle der Dokumentation von Widerstand und Krieg kann bis heute und zu den oft preisgekrönten Bildern der Flüchtlingskrisen und des Syrienkriegs verfolgt werden. Immer von Neuem stellt sich dabei die Frage nach der Rechtfertigung der Abbildung von beobachtetem Leid. Dazu kann Susan Sontags „Regarding the pain of others” herangezogen werden. Die Biographie der Autorin selbst, in München geboren, seit 1983 in Italien lebend, ist Dokument der Geschichte des Holocaust, dem ihre jüdisch-polnischen Eltern nur knapp entkamen.

Gattung

  • Romane

Eignung

in Auszügen geeignet

Altersempfehlung

Jgst. 9 bis 13

Fächer

  • Deutsch
  • Geschichte
  • Italienisch
  • Kunst (Fachzeichnen)

FÜZ

  • Alltagskompetenz und Lebensökonomie
  • Kulturelle Bildung

Erscheinungsjahr

2020

ISBN

9783827013989

Umfang

325 Seiten

Medien

  • Buch
  • E-Book