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Bov Bjerg: Serpentinen

Besprechung

Ein Vater reist mit seinem Sohn an den Ort seiner Kindheit, um Geschichte seines Vaters, Großvaters und Urgroßvaters zu verarbeiten. Man hatte die Familiengeschichte geschönt: Der Urgroßvaters des Erzählers hatte seine Holzschuhe nicht am Fluss stehen gelassen, um auszuwandern – was für eine absurde Idee auch – sondern um sich das Leben zu nehmen. Großvater und Vater, überzeugter Nationalsozialist bis zum Lebensende, hatten ebenfalls den Freitod gewählt. Und er selbst, der als Kind den erhängten Vater gefunden hat, spürt den Sog immer deutlicher. Deshalb nimmt er seinen kleinen Sohn mit auf eine Reise zurück in die Heimat auf der Schwäbischen Alb. Dort können Kinder aus der Zeit, als noch ein Meer da war, Versteinerungen finden, Symbol vielleicht der Stein gewordenen Geschichte der verstummten Kriegsgeneration. Da es regnet, fahren Vater und Sohn stattdessen auf die Alb, in Schlangenlinien, über die Serpentinenstraße. Erinnerungen an die eigene Kindheit, den depressiven Vater, aber vor allem schuldbewusste Rückblicke auf die Beziehung zur Mutter des Jungen, einer erfolgreichen Juristin, und dessen erste Jahre gehen dem Erzähler durch den Kopf. Seine Angst, dem Beispiel der männlichen Vorfahren zu folgen und damit auch dem Sohn den Weg vorzugeben, begleiten die Fahrt. Ein dramatisches Ereignis am Schluss bündelt noch einmal Ängste und Schuldgefühle, aber nun kann der Vater seinem Sohn endlich sagen, wie sein eigener Vater gestorben ist. „Urgroßvater, Großvater, Vater. Ertränkt, erschossen, erhängt. Pioniere zu Wasser, zu Lande und in der Luft. Ich war noch am Leben. Der Junge war noch am Leben. So weit waren wir gekommen.“

Didaktische Hinweise

45 Kapitel sind in kleine, manchmal kleinste Absätze unterteilt, wörtliche Wiedergabe von Rede und Gedanken geben dem Text einen hastigen Rhythmus und stellenweise eine Struktur wie ein Drehbuch. Wiederkehrende Motive sind die Frage nach dem historischen Erbe und der Schuld. Die Erzählhaltung und die Figur des Kindes sind ein spannendes Thema. Die Erzählung ist auch die der Nachkriegsgenerationen, der „Familienbla“ von der Vertreibung wird mehrfach zitiert, man könnte also zum Beispiel auf einen Text von Sabine Bode (Nachkriegskinder“, Klett-Cotta 2019) zurückgreifen. Der Erzähler ist Professor für Soziologie und erwähnt Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“. Ein Vergleich biete sich an: mit Christian Barons dezidiert autobiografischer Collage „Ein Mann seiner Klasse“, in deren Mittelpunkt seine Herkunft aus dem Unterschichtmilieu und seine Suche nach der Liebe zu einem Vater über dessen Tod hinaus steht, oder mit Edouard Louis' „Qui a tué mon père?“. (s. dazu: Rezension in der SZ vom 1.2.2020 von Felix Stephan)

Gattung

  • Romane

Sachbuchkategorie

  • Biografien, Autobiografien, Porträts

Eignung

als Klassenlektüre geeignet

Altersempfehlung

Jgst. 9 bis 13

Fächer

  • Deutsch
  • Ethik/Religionslehre (Evang. Religionslehre

FÜZ

  • Werteerziehung
  • Alltagskompetenz und Lebensökonomie

Erscheinungsjahr

2020

ISBN

9783546100038

Umfang

267 Seiten

Medien

  • Buch
  • E-Book
  • Hörbuch