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Ken Krimstein: Die drei Leben der Hannah Arendt

Besprechung

Ken Krimstein will in dieser Graphic Biography die Entstehung von Hannah Arendts Ideen durch die Konfrontation ihrer Persönlichkeit mit der Geschichte sichtbar machen. Die Form der Graphic Novel vermag dabei komplexe Themen leichter zugänglich zu machen, weil Worte und Bilder gemeinsam wirken. „Die drei Leben der Hannah Arendt“ (1906-1975) heißt im Originaltitel die drei „escapes”, also Fluchten. Diese Idee gibt dem Buch die chronologische Ordnung: Die Philosophin floh nach ihrem ersten Leben aus Deutschland, dann aus Paris, schließlich in die USA. Zunächst wird sie, eine geborene Jüdin, die gar nicht weiß, dass sie eine ist, weil ihre Eltern die Religion nicht praktizierten, als geprägt durch ihren Herkunftsort, Königsberg, beschrieben. Genau wie Immanuel Kant sucht sie Antworten auf ihre Fragen an die Welt. Mit 14 hat sie alle Kant-Bücher gelesen, autodidaktisch Altgriechisch gelernt, eine Theatergruppe gegründet und wird des Gymnasiums verwiesen, weil sie einen Streik organisiert hat. Diese erste Leben ist geprägt von der Lust auf Leben und auf Antworten auf die großen Fragen. Mit 17 verlässt sie Königsberg und studiert in Marburg bei Martin Heidegger. Er verspricht den Studenten die Wahrheit schlechthin: Das alte Denken müsse zerstört werden; alles hänge an der Bedeutung des Seins. Sie verliebt sich in den verheirateten Heidegger, hat mit ihm zwei Jahre lang eine verbotene Liaison, doch dann verstößt er sie. Heimliche Treffen gibt es aber weiterhin – nach seinen Bedingungen. Schließlich heiratet Arendt 1929 den braven Günther Stern, der aus einer der reichsten und künstlerisch einflussreichsten jüdischen Familien Berlins stammt. Fortan steht ihr die Welt zu Berlins intellektueller Szene offen und sie wird umschwärmt. Doch die Nationalsozialisten werden auf sie aufmerksam und nach der Freilassung aus einer Verhaftung in Berlin flüchtet sie über Prag zu Günther Stern nach Paris. Dort engagiert sie sich für jüdische Projekte, v.a. muss sie sich um den sicheren Transport von jüdischen Kindern aus Europa kümmern. Entscheidend ist ihre intensive Beschäftigung mit der Philosophie des Walter Benjamin. Nach Einmarsch der Deutschen in Frankreich werden alle Deutschen von den Franzosen in Paris erst verhaftet und dann in ein Internierungslager nach Südfrankreich, Gurs, gebracht. Hannah Arendt vermag noch in einem günstigen Moment des Chaos zu fliehen, bevor die Deutschen das Lager übernehmen. Auf der Flucht trifft sie zufällig ihren Mann und später gemeinsam in einem sicheren Versteck in Marseille auch ihre Mutter und Walter Benjamin. Dort warten viele Intellektuelle auf ein Ausreisevisum nach USA. Sie bekommen im letzten Moment die Papiere und flüchten sich über Lissabon per Schiff nach USA. Im „dritten“ Leben muss sie sich mit Aushilfsjobs über Wasser halten, schließlich bekommt sie einen Lehrauftrag an einem College in Brooklyn. Sie macht sich mit einem Aufruf zur Schaffung einer jüdischen Armee mit Freiwilligen aus aller Welt einen Namen, denn „wer als Jude angegriffen wird, muss sich als Jude zur Wehr setzen!“ Arendt schreibt einen Artikel über den „neuen Juden“, er wird eine Sensation, sie wird Cheflektorin in einem NYer Verlag und kann wieder mit den Intellektuellen auf Augenhöhe diskutieren. 1943 schaut sie in den Abgrund: Man erfährt von den KZs, hält es aber für unmöglich, und die ersten Atombomben werden über Japan abgeworfen. Der Krieg ist zwar gewonnen, aber Hannah Arendt kann den Zusammenbruch der Tradition nicht ignorieren: Mit der Sprache Goethes andere Menschen in Gaskammern bringen und töten; wie kann man als Mensch dazu fähig sein? Diese neue Kraft nennt sie den Totalitarismus; ihr Hauptwerk, ein Bestseller, entsteht: „Ursprünge des totalitären Denkens“, das erklärt, wie das Böse geschieht. In „Vita activa“ versucht sie darzulegen, warum es geschieht. Sie lehrt als erste Professorin an der berühmten Universität Princeton. Von zentraler Bedeutung war und ist ihre Beziehung zu Heidegger, er bittet sie, ihm seine Nazi-Zeit zu verzeihen, sie distanziert sich aber von seiner Philosophie und nennt ihre Arbeit „politische Theorie“. Das Kapitel „Denken ohne Geländer“ stellt ihre Zeit in Jerusalem und danach als Berichterstatterin vom Eichmann-Prozess dar. Für ihren berühmten Artikel von der „Banalität des Bösen“ wird sich heftig angefeindet, auch von ihren Freunden. Hannah Arendt stirbt 1975 als unabhängige, mutige und streitbare Philosophin, die sich für die Pluralität der Meinungen einsetzte.

Didaktische Hinweise

Die Beschäftigung mit der Philosophie Hannah Arendts ist gerade im heutigen Diskurs sehr gewinnbringend. Diese Graphic Novel könnte eine erste Begegnung mit dieser großartigen Denkerin sein. Ihr Werk selbst ist gerade wegen des Umfangs für den unterrichtlichen Gebrauch wenig realistisch. Daher sei Ken Krimsteins Buch in Auszügen für die Begegnung mit Arendts Denken oder als Basis für ein Referat empfohlen. Dazu kommen Einsatzmöglichkeiten, die die Gattung der Graphic Novel bietet. Ziel: literarisches Lernen mit Text und Bild im Sinne des erweiterten Literaturbegriff: Gattung der Graphic Novel kennenlernen (Information dazu z. B. in Praxis Deutsch Nr. 252), Bildsprache einer Graphic Novel untersuchen (Ästhetisches Lernen, Decodieren des Zusammenspiels von Text und Bild Figurenkonstellation erarbeiten, Charakterisieren der Hauptpersonen

Gattung

  • Sachbücher
  • Comics, Comic-Romane, Graphic Novels

Sachbuchkategorie

  • Biografien, Autobiografien, Porträts
  • Politik, Gesellschaft

Eignung

in Auszügen geeignet

Jahrgangsstufen

10 bis 13

Fächer

  • Deutsch
  • Ethik/Religionslehre (Evang. Religionslehre
  • Geschichte
  • Interkulturelle Erziehung
  • Philosophie
  • Sozialkunde/Politik und Gesellschaft

FÜZ

  • Kulturelle Bildung
  • Interkulturelle Bildung
  • Politische Bildung
  • Werteerziehung

Erscheinungsjahr

2019

ISBN

9783423282086

Umfang

240 Seiten

Medien

  • Buch