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Paul Küch: Ich hatte einen Schießbefehl. Gezählte Tage im Eichsfeld

Besprechung

Der Verlauf und die pioniertechnische Sicherung der innerdeutschen Grenze („Staatsgrenze West“,„Antifaschistischer Schutzwall“) kann im technischen Sinne aus Sicht der DDR und der Sicht des „Klassenfeindes“ als befriedigend dokumentiert eingeschätzt werden. In der Frage der Begründung der Maßnahmen zum „Schutz der Staatsgrenze West“, die zunehmend nach Kriterien der Militärtaktik und der MfS-Definition, die in Potsdam-Golm und in der Normannenstraße formuliert wurden, gibt es auch dreiundzwanzig Jahre nach dem Mauerfall und dem Versuch der gerichtlichen Aufarbeitung der Folgen des Schießbefehls zurecht einen erheblichen Diskussionsbedarf.

Paul Küch (*1963) schildert den Alltag des DDR-Grenzers aus seinem persönlichen Erleben: Sein NVA-Grenzdienst (19.03.1983 - 27.04.1984) wurde von ihm nach der Grundausbildung beim Grenzregiment 11 (Eisenach) im Eichsfeld abgeleistet. Sein Dienstbereich: 13 km (Raum Asbach-Sickenberg). Sein Wiedersehen mit dieser Gegend, bekannt durch das thüringisch-hessische Grenzmuseum Schifflersgrund (2008), ist für den Autor ein Anlass, sein Schweigen zu brechen und seiner Corinna und der jungen Generation zu erzählen, wie er als 20-jähriger Wehrpflichtiger mit dem Schießbefehl leben musste: „Solange es Menschen gibt, wie eine deutsche Rentnerin im fernen Chile – gemeint ist Margot Honecker – die die Existenz des Schießbefehls leugnen und den Tod von DDR-Flüchtlingen als Dummheit bezeichnen, werde ich meine Stimme dagegen erheben.“Zwischen den Buchdeckeln liegen 22 Lebensjahre. An der Stelle der Systemgrenze des Kalten Krieges wird heute das „Grüne Band“ beworben, „Europas längstes Biotop“, das sich ca. 1400 km durch Deutschland zieht. Für den neunzehnjährigen Rekruten, der von seinen Vorgesetzten im Dreischichtdienst als „Nr. 80“ angesprochen wurde, gab es die kollektive „Vergatterung“, in deren Konsequenz für jeden DDR-Grenzer der Schießbefehl persönlich galt (S. 235 ff.). Der Autor nennt als Belege: den besonderen Text (von 1962) der öffentlichen Vereidigung in Eisenach, den konkreten Befehl, „Grenzdurchbrüche nicht zuzulassen, Grenzverletzer festzunehmen oder zu vernichten“, den täglichen Postengang entlang von Zaun und Minenfeld, „ausgestattet mit Schießbefehl, einer Kalaschnikow, zwei Magazinen mit je 30 Stahlkernpatronen“, aber auch den Sonderfall, dass es anlässlich des Staatsbesuchs des österreichischen Bundespräsidenten Dr. Kirchschläger „keine Toten an der Staatsgrenze West geben durfte“ (Schichtdienst ohne scharfe Waffen, angeordnet in der täglichen, aktuell-politischen Information „TapI“).Der Autor erwähnt das Verbot der Kontaktaufnahme im Grenzdienst, West-Provokationen einer „Gräfin im roten Coupé“ mit Disziplinarstrafen als Konsequenz. Er erinnert an den Fall Michael Gartenschläger vom 01.05.1976, der als vom Westen freigekaufter DDR-Bürger die „Organe“ bewusst durch Demontage des Staatssymbols an der Grenzsäule provozierte und von einem Sonderkommando des MfS erschossen wurde. Er erinnert an die Erschießung des LPG-Traktorfahrers Heinz-Josef Große am 29.03. 1982 im Schifflersgrund, dessen Todesschützen mit Sonderurlaub und Geldprämie belohnt wurden, aber auch an den „BiWaK“-Dienst, das „Besonders idiotische Wirken am Kanten“ (Grenzverlauf) „mit Blickrichtung Ost, weil der (Klassen-)Feind im Westen steht“.Paul Küch schreibt als Gefreiter der NVA-Grenztruppen, als junger Mann, dessen frische Beziehung zu Corinna durch den Grenzdienst auf eine Bewährungsprobe gestellt wurde. Er schildert seine persönlichen Schwächen aus Kindheit und Schulzeit und bleibt in der Einschätzung dessen, was das System von ihm abverlangte, authentisch und konkret. Das Buch ist ein Zeitzeugenbericht besonderer Art, flüssig und schnörkellos geschrieben, ein „Insider-Werk“, das manch Jüngeren in der lockeren Handhabung der typischen DDR-Abkürzungen etwas überfordert – hier wäre ein erklärendes Einlegeblatt für den Leser sehr hilfreich. Fcäherübergreifende Ziele: Politische Bildung

Didaktische Hinweise

Geeignet als Quelle für ein Referat im Sk- oder Geschichtsunterricht.

Gattung

  • Sachbücher

Sachbuchkategorie

  • Biografien, Autobiografien, Porträts

Eignung

für die Schulbibliothek empfohlen

Altersempfehlung

Jgst. 10 bis 13

Fächer

  • Geschichte
  • Sozialkunde/Politik und Gesellschaft

Erscheinungsjahr

2013

ISBN

9783899603927

Umfang

416 Seiten

Medien

  • Buch