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Andreas Steinhöfel: Anders

Besprechung

Ein bisschen anders als das, was wir von Andreas Steinhöfel in der Regel so kennen, ist dieser Romane schon. Zwar wird auch hier wie in den „Rico, Oskar und …“-Büchern klar Partei ergriffen für die Kinder, die „ein bisschen anders" sind. Zwar wird wie in der „Mitte der Welt“ Philosophisches den Jugendlichen zugemutet. Zwar findet sich auch in diesem Romane eine teilweise lustige, teilweise spannende Erzählweise. Aber es gibt auch vieles, was man nicht versteht, was irritiert und wohl sowohl dem jugendlichen als auch dem erwachsenen Leser Fragen stellt. Magisches, ja Mystisches spielt eine größere Rolle in diesem neuen Buch von Andreas Steinhöfel, der ja 2013 für sein Lebenswerk mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde.

Nach einem Unfall (seine überfürsogliche Mutter hat ihn mit dem Auto angefahren) verharrt Felix 263 Tage im Koma. Als er wieder erwacht, ist alles anders, er erinnert sich an nichts mehr und hat plötzlich die Fähigkeit, andere Menschen so intensiv wahrzunehmen, dass er ihre Aura und die sie umgebenden Farben sieht, dass er vor allem ihre Krankheiten und psychischen Verletzungen intuitiv erfühlt. Vielen Erwachsenen geht er mit diesen Fähigkeiten auf die Nerven und bald versucht man ihn aus dem normalen Schulsystem auszugrenzen, vor allem nachdem er sich selbst in „Anders“ umbenannt hat. Eingewoben ist in die Erzählung noch ein kleiner Krimi, es gibt nämlich Mitschüler, denen es ganz recht ist, dass Felix/Anders sich nicht mehr an das Leben v.d.U. (vor dem Unfall) erinnert. Der Romane setzt sich mit der Frage auseinander, wie vor allem die Erwachsenen mit Kindern umgehen, inwieweit sie versuchen, sie „nach ihrem Bild“ zu gestalten. Dabei wird deutlich, wie sehr auch Erwachsene ihre Schwächen und ihre Angst davor verstecken müssen, von den anderen als „anders“ wahrgenommen zu werden. Steinhöfels Romane bietet sicher Probleme, die auch für den Unterricht in der Schule von Relevanz sind: Zum einen ist er sprachlich/inhaltlich so kompliziert, dass er die Zielgruppe „ab 12“ nur bei wenigen Lesern erreichen kann. Vor allem zu Beginn des Buches stellt der Erzählstil große Anforderungen: Erzählt wird aus der Perspektive von verschiedenen Figuren um Felix herum, nie von ihm selbst. Da verlangt es vom Leser Geduld, wenn Figuren zu Wort kommen, die nicht schnell einzuordnen sind. Gleichzeitig ist Felix/Anders erst 11 Jahre und für ihn steht der Übergang vom magischen Weltbild seiner Kindheit zu Adoleszenz an – kann das von den Jugendlichen akzeptiert werden? Zudem ist die Figur des Anders und die als Kontrast dagegengesetzte Figur der Helikoptermutter sehr zeigefingerhaft angelegt: Anders ist nicht wie die meisten seiner Leser, sondern ein „fremdes Kind“, das wie aus einer anderen Welt in unseren Alltag hineinkommt und den Finger auf die Wunde unseres falschen Verhaltens legt. Bestärkt wird diese „Heilsbringergeste“ durch sehr moralische Erzählerkommentare. Gerade, weil nicht Felix selbst erzählt, bleibt eine gewisse Distanz bestehen, die einfaches Identifizieren erschwert. Besonders die Bezüge auf die mystisch-märchenhafte Welt werden viele jugendliche Leser eher abstoßen, sie sind mit der alltagsnahen Darstellung des Rests des Romanes (etwa mit der psychologisch banalen Erklärung des Anderssein durch ein Vorkommnis vor dem Unfall) nur unzulänglich verknüpft. Insgesamt aber bietet Steinhöfels neuester Romane aber literarischen und philosophischen Tiefgang sowie interessante Fragen, die gerade zu Zeiten, in denen das Thema „Inklusion“ diskutiert wird, auch ihren Platz im Deutschunterricht haben sollten. „Anders“ ist ein Romane gerade für Eltern oder Lehrer, die sich hier in ihrem Verhältnis zu Kindern/Jugendlichen ironisch gespiegelt sehen. Besonders positiv hervorzuheben ist die graphische Gestaltung des Romanes. Die neue Reihe „Königskinder“ im Carlsen-Verlag wird in Schwarz, Weiß und Gold edel aufgemacht, die Vignetten von Peter Schössow tragen zum Aufbau einer Atmosphäre zu Beginn jedes Kapitels bei.

Didaktische Hinweise

Steinhöfels neuer Roman wird es sehr viel schwerer haben, den Weg in den Unterricht zu finden als seine vorhergehenden „Klassiker“. Insbesondere die Alterszuordnung ist durch die Doppeladressiertheit schwierig. Schüler sind aber nicht zu unterschätzen, vielleicht kann sie gerade der Blick von außen auf sie selbst in der Perspektive der Erwachsenen reizen. Diese erscheinen in diesem Romane verletzlich, gebrochen und feige angesichts eines überstarken Kindes. „Anders“ ist kein Roman, der einfach zur „Lesemotivation“ eingesetzt werden kann, sondern ein komplexes Gebilde, das von den Lesern verlangt, dass er mit Frustrationen umgehen kann. Er bietet dafür aber auch den Anreiz, dass Literatur mehr bietet, als beim ersten Lesen gleich erfasst werden kann. Kulturelle Bildung, soziales Lernen sowie Werteerziehung können mit der Lektüre verfolgt werden.

Gattung

  • Romane

Eignung

themenspezifisch geeignet

Altersempfehlung

Jgst. 7 bis 9

Fächer

  • Deutsch
  • Ethik/Religionslehre (Evang. Religionslehre
  • Zusätzliche Fächer (Fachunterricht)

FÜZ

  • Kulturelle Bildung
  • Soziales Lernen
  • Werteerziehung

Erscheinungsjahr

2014

ISBN

9783551560063

Umfang

240 Seiten

Medien

  • Buch