mobile Navigation Icon

Martine Letterie: Kinder mit Stern

Besprechung

Die Judenverfolgung und -vernichtung der Nationalsozialisten wird hier aus Sicht von jüdischen Kindern erzählt.

Bennie, Klaartje, Rosa, Jules, Leo – das sind die fünf etwa 6-bis 8-jährigen Kinder, deren Schicksal das Buch in Momentaufnahmen schildert. Diese Ausschnitte im personalen Erzählstil beschränken sich auf die niederländische NS-Zeit, weil die Kinder dort leben. Gegliedert sind sie ihrer zeitlichen Chronologie nach in die Abschnitte „So fing es an”, „Im Lager” und „Frieden”. In den Erzählungen wird anfangs deutlich, welche Einschränkungen die Kinder im Alltag erleiden, dann werden sie abgeholt und in das Lager Westerbork gebracht. An einem Tag dort hat Bennie Geburtstag, an einem anderen kommt der Nikolaus. Deutlich werden die Bemühungen der Erwachsenen, die Kinder diese Zeit möglichst angstfrei und mit einem Stück Normalität erleben zu lassen. Ausgespart werden Hunger, Grausamkeiten und Tod. Auch dann, als die Kinder mit zwei letzten Zügen in den Osten transportiert werden. Nur die Geschichte von drei Kindern geht danach noch weiter. Mit der im Lager versteckten Rosa erlebt man die Befreiung durch kanadische Soldaten. Bennie geht mit seinem Vater zu dessen ehemaligen Arbeitskollegen und Freund, um die bei diesem untergebrachten Wertgegenstände abzuholen. Klaartje kehrt mit ihrer Mutter in die Welt zurück, ins zerbombte Groningen.
In diesem Buch gibt es auch in der Übersetzung von Andrea Kluitmann keinen erhobenen Zeigefinger, stattdessen wird das Leid des zweiten Weltkrieges für diese verfolgten Kinder deutlich. Obwohl letzteres verbal so weit wie möglich ausgespart wird, ist es – zumindest für den älteren Leser – zwischen den Zeilen umso mehr zu lesen. Die kindlich-naiven Augen schildern das gerade Erlebte, auch schöne Dinge, die sie während dieser Zeit im Lager erleben. Für heranwachsende Leserinnen und Leser wird es nach und nach deutlich, in beiläufigen Sätzen wie „dass Mama dort gestorben ist“ und vor allem im Nachdenken und in Gesprächen darüber. Ein empfehlenswertes Buch, das einen ungewöhnlichen, aber wertvollen Blick auf die Greuel des Nationalsozialismus wirft.

Didaktische Hinweise

Wer die Jugendverfolgung, die Ausgrenzung Andersgläubiger, Menschenrechte und die Gräueltaten der Nationalsozialisten im Unterricht behandeln will, dem ermöglicht dieses Buch einen guten Zugang und Einstieg. Durch die kindlich-naive Sicht wird immer nur das Hier und Jetzt geschildert – viele Leerstellen müssen in den Köpfen der Leserinnen und Leser gefüllt werden. Was die Fakten betrifft, ist dazu eine Recherche nötig. Die Gefühle der Kinder und das von ihnen Erfahrene lässt sich auch so nachempfinden. Daher sollte „Kinder mit Stern“ begleitet gelesen oder vorgelesen werden. Um jüngere Leserinnen und Leser mit dem Perspektivwechsel nicht zu überfordern, bietet es sich an, Bennie, Klaartje, Rosa, Jules und Leo vorzustellen. Schon auf dem Cover finden sich Bilder der fünf. Kinder behalten so den Überblick, können sich besser in die Figuren einfühlen und nach und nach Fakten und Erlebtes aus dem Buch zu den Figuren ergänzen.
Im Zuge der Lektüre werden sich sicherlich Fragen zu folgenden Themenkreisen ergeben:  

  • Gesetzen und Verbote, die die Juden betrafen
  • Herrschaft der Nationalsozialisten
  • 2. Weltkrieg
  • Arbeits- und Vernichtungslager, insbesondere das Lager Westerbork
  • Gegenwartsbezug

Das Buch stellt nie die Schuldfrage, der Nationalsozialismus wird nur indirekt thematisiert. Es schildert die Folgen von Ausgrenzung und rigide erlassenen, die Menschenwürde einschränkenden Gesetzen. Ein aktuelles, lesenswertes Buch!

Gattung

  • Sachbücher

Sachbuchkategorie

  • Biografien, Autobiografien, Porträts

Eignung

themenspezifisch geeignet

Altersempfehlung

Jgst. 5 bis 7

Fächer

  • Geschichte
  • Ethik/Religionslehre (Evang. Religionslehre
  • Interkulturelle Erziehung

FÜZ

  • Interkulturelle Bildung
  • Werteerziehung
  • Politische Bildung

Erscheinungsjahr

2019

ISBN

9783551557629

Umfang

128 Seiten

Medien

  • Buch
  • E-Book