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Antonia Michaelis: Tankstellenchips

Eine rasante Jagd nach ein wenig Glück und Geborgenheit

Besprechung

Der in der Literatur seit der Aufklärung verwendete Blick des Fremden auf Altvertrautes funktioniert auch im neuen Werk der preisgekrönten Autorin auf das Schönste.

Shayan, der in Deutschland Sean genannt wird, weil seinen persischen Namen niemand aussprechen kann, ist erst seit wenigen Monaten in Deutschland und hat politisches Asyl beantragt. Weil er davon ausgeht, dass ihm die Wahrheit ohnehin niemand glauben wird, erzählt er bei der Anhörung eine erfundene Geschichte, von der er hofft, dass sie den Beamten gefallen wird, und verwickelt sich prompt in Widersprüche. Der Brief der Behörde, den er in einem Flüchtlingsheim im Nordosten Deutschlands in seinem Spind aufbewahrt, enthält, wie Shayan richtig vermutet, seinen Abschiebebescheid. Aber zum Lesen des Bescheids ist er noch nicht gekommen, weil er den Spindschlüssel am Strand verloren hat. Den sucht er, als die Geschichte beginnt, und sein Verlust setzt für den geborenen Pechvogel eine aberwitzige Kettenreaktion in Gang. Shayan wird gemeinsam mit Davy, einem achtjährigen Ausreißer aus einem Kinderheim, Zeuge eines Mordes. Beide fliehen, weil sie von der Polizei nicht aufgegriffen werden wollen und erleben gemeinsam unerhörte Begebenheiten. Gejagt werden sie nicht nur von der Polizei, sondern auch von den wahren Mördern, welche die unerwünschten Zeugen des Mordes beseitigen wollen.

Shayan und Davy reisen vom Nordosten der Republik bis in den Süden, verlieren sich dabei, finden sich wieder, gelangen an Orte, an denen sie sogar bleiben könnten, wenn Shayans Geschick für das Herbeiführen von Katastrophen nicht wäre, dazu zählen das Freilassen von Kuh- und Schafherden, das Sprengen von Espressomaschinen, die Entführung eines Fesselballons und vieles mehr. Oft ist es der kleine Davy, der sich und seinen schusseligen Freund durch sein hinreißendes Lächeln aus misslichen Situationen rettet.

Unter diesem zauberhaft gewebten poetischen Tuch aus Slapstickszenen und anrührenden Momenten lauert wie immer bei Antonia Michaelis die Realität und die ist weder komisch noch wunderbar, sondern brutal und erschütternd. Denn natürlich begegnet Shayan auf Schritt und Tritt der alltägliche Rassismus und in seiner Heimat warten auf ihn Gefängnis, Folter und womöglich seine Hinrichtung.

Aber dennoch geht diese Geschichte ausnahmsweise gut aus. Shayans Abschiebung wird in letzter Sekunde verhindert und er findet nicht nur ein neues Zuhause, sondern auch die Liebe.

Antonia Michaelis Roman eignet sich ganz besonders für die 9. und 10. Jahrgangsstufe. Man kann mit dem Sozialkunde- oder Ethiklehrer zusammenarbeiten und zahlreiche wichtige aktuelle Themen von der Migration über die Situation im Iran bis hin zum Erfolg populistischer Parteien und der Zunahme der Fremdenfeindlichkeit besprechen. Und gleichzeitig ist Michaelis Roman auf jeder Seite ein ungetrübtes Vergnügen.  

Didaktische Hinweise

Der Roman ist auch als E-Book erhältlich.

Zu Antonia Michaelis‘ Werken hält der Oetinger Verlag Leseproben, Inhaltsangaben und ein umfangreiches Autorenspecial bereit, das auch ein Interview mit der Autorin sowie spannende Trailer zu ihren Büchern bietet.

Außerdem betreibt Antonia Michaelis eine eigene Homepage, auf der sich viele Informationen finden.

Gattung

Heldenepos

Eignung als Klassenlektüre

weniger geeignet

Jahrgangsstufen

8 bis 11

Fächer

Deutsch, Geschichte, Sozialkunde/Politik, Ethik

FÜZ

Werteerziehung, Politische Bildung

Erscheinungsjahr

2018

ISBN

9783789109188

Umfang

368 Seiten

Medien

E-Book