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#lesen.bayern » Digitales Lesen » Wissenstransfer: Stavanger Erklärung

Stavanger Erklärung (E-READ)

Mit der Stavanger Erklärung, die mehr als 130 europäische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlicher der Forschungsinitiative E-READ (Evolution of Reading in the Age of Digitisation) im Oktober 2018 unterzeichneten, ist (erneut) der Diskurs angestoßen, was das digitale vom analogen Lesen unterscheidet und welches Lesen welche Vorteile bietet.

Folgende Befunden werden in der Erklärung genannt:

  • Digitale Texte und Leseumgebungen eröffnen gute Möglichkeiten, die Texte in ihrer Form an individuelle Bedürfnisse und Vorlieben der Lesenden anzupassen. Gerade für die Individualisierung und explizit das Eingehen auf Schülerinnen und Schüler mit individuellen Lese- und Lernschwierigkeiten (beispielsweise auch motorische Beeinträchtigungen) ist dies eine Chance.
  • Beim Lesen digitaler Texte wird der Lesemodus des Scannens bevorzugt, sodass die Begegnung mit dem Text damit schnell weniger konzentriert erfolgt.
  • Das Verständnis langer informativer Texte ist beim Lesen in analoger Form besser als bei digitalen Texten. Diese Unterschiede gibt es bei narrativen Texten nicht.
  • Individuelle Lernprofile, Erfahrungen, Unterschiede in Fähigkeiten und Veranlagung beeinflussen das Verstehen und Verarbeiten von (digital) Gedrucktem. 

Aus diesen Befunden leiten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler folgende Empfehlungen ab:

  •  Die Bedingungen, die das Lesen und Verstehen analoger und digitaler Texte unterstützen oder behindern, sollten systematisch erforscht werden.
  • Strategien für tieferes Lesen digitaler Texte müssen an Schülerinnen und Schüler vermittelt werden.
  • Weiterhin sollen Kinder und Jugendliche zum Lesen gedruckter Bücher motiviert und dafür Zeit in den Schulen vorgesehen werden.
  • Insbesondere im Primarbereiche sollten digitale Technologien pädagogisch begleitet und durch sorgsam entwickelte Lerntools und -technologien begleitet sein.
  • Es bedarf besonderer Leitlinien für die Einführung digitaler Technologien und beispielsweise eines empirisch validierten Unterrichts in digitalen Lesefertigkeiten.

Außerdem werden Fragen für die künftige Forschung gestellt:

  • Wo liegen die Vorteile digitaler Texte (in welchen Lesekontexten und für welche Lesergruppen)?
  • Wann sind hingegen Texte in analoger Form zu bevorzugen?
  • Wird das „Scannen“ von Texten, mit geringerer Konzentration und weniger tiefer Verarbeitung, zum Standardmodus des Lesens und hat damit auch Auswirkungen auf das Lesen von Gedrucktem?
  • Wie kann die tiefe Verarbeitung von Texten, insbesondere von digitalen, gefördert werden?

Zwar beantwortet die Stavanger Erklärung selbstredend nicht alle Fragen im Hinblick auf das Digitale Lesen, dennoch ist sie von großer Bedeutung insofern, als sie

  • zeigt, dass sich zahlreiche Forschende (interdisziplinär!) mit der Thematik befassen,
  • zentrale Fragen für die zukünftige Forschung formuliert,
  • deutlich macht, dass weder das digitale noch das herkömmliche Lesen „besser” ist, es aber abzuwägen gilt, wann welches Format welche Vor- und ggf. Nachteile bietet,
  • formuliert, dass Schule sich weiterhin dem Aufbau der basaler Lesefähigkeiten gedruckter Texte widmen, ebenso aber die Entwicklung digitaler Lesefähigkeiten begleiten muss.

Ganz zentrales, aus der Erklärung resultierendes Handlungsfeld für die Schule ist die Fort- und Weiterbildung der Lehrkräfte im Abwägen zwischen herkömmlichem und digitalem Lesen, der pädagogischen Begleitung des digitalen Lesens mit der Vermittlung entsprechender Stategien/der Nutzung von Lese-Tools und der metakognitiven Selbstkontrolle ­– nahe an den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen orientiert. 

Die deutsche Übersetzung der Stavanger Erklärung, wie sie am 22. Januar 2019 in der FAZ veröffentlicht wurde, können Sie hier nachlesen.